Die Brüder Grimm, die Frauen und die deutsche Leitkultur
Da liegen also unsere lieben Brüder Grimm einträchtig als Leuchttürme deutscher Nationalkultur unter den herbstlich leuchtenden Bäumen des "Alten St.-Matthäus-Kirchhof" in Berlin-Schöneberg: Jacob und Wilhelm, daneben Wilhelms wackere Söhne Rudolf und Herman.
Verschämt am Rande steht ein Sammelstein für alle Frauen der Familie, der erst 2016 von einem gemeinnützigen Verein aufgestellt wurde - als Gegengewicht zur posthumen Generalversammlung der alten weißen Männer.
Insgesamt doch immer noch ganz schön wenig Respekt für das "Andere Geschlecht". Schließlich verdanken die Gelehrten ihre gesamte Karriere jungen Frauen.
Die beiden Herren taten zwar immer so, als seien sie als tapfere Feldforscher mit schlammigen Stiefeln durch Hessens dunkle Wälder marschiert und hätten von Bauern, Köhlern und einsamen Waldschraten ihre Volksmärchen eingesammelt, die sie als charakteristischen Ausdruck deutscher Nationalidentität verkauften.
Dabei saßen sie zuhause in gemütlichen Sesseln und haben sich von jungen Damen der gehobenen hessischen Gesellschaft ihre Märchen erzählen lassen. Pikanterweise waren diese jungen Frauen meist Nachfahrinnen französischer Hugenotten. Diese erzählten den Brüdern Grimm die Geschichten aus ihrer Kindheit, davon z.B. viele Märchen von Charles Perrault, einem High-End-Salonlöwen aus der Ära von Ludwig XIV., dem absolutistischen "Sonnenkönig".
Kunstprodukte französischer Salonkultur
So sammelten die Gebrüder Grimm nicht etwa bodenständige deutsche Volksmärchen, sondern gespreizte Kunstprodukte aus der raffinierten französischen Salonkultur, die ihnen von hochgebildeten Damen der feinen hessischen Oberschicht erzählt wurden.
Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie grotesk der Mythos der deutschen Leitkultur ist. Was die beiden Gelehrten und Vorkämpfer einer deutschen "Nationalkultur" ihren Leser:Innen als typisch deutsches, erdiges Kulturgut aus den hessischen Wäldern andrehten, war das fein gedrechselte Produkt einer vorrevolutionären Salonkultur.
Ihre "Kinder- und Hausmärchen" waren nicht etwa Ausdruck irgendeiner fiktiven deutschen Volksseele, sondern atmeten vor allem die Duftwässerchen und das Perrückenpuder des Ancien Régimes. Nicht einmal Grimms Märchen erfüllen das Reinheitsgebot für deutsches Kulturgut.