Wintergeschichte: Aufzeichnungen eines Jägers
Journalisten fürchten die so genannte "Text-Bild-Schere" wie der Teufel das Weihwasser. Text und Bild sollen ein und dieselbe Geschichte erzählen. In einem neuen Format möchte ich mit dem Widerspruch zwischen Worten und Fotos spielen. In der ersten Folge versuche ich, das Drama um René Benko und seine größte Investitionsruine, den Hamburger Elbtower, im Stile des russischen Schriftstellers Iwan Sergejewitsch Turgenew zu erzählen
Vielerorts ist die Landschaft unserer Heimat zersiedelt und von Menschenhand zerstört. In meinem Gouvernement hingegen ziehen sich die Birken- und Fichtenwälder Dutzende von Werst hin.
Auch die Sümpfe, die überall sonst schon von Großbauern und Industriellen trockengelegt wurden, bilden bei uns noch riesige, zusammenhängende Gebiete.
Kaum einmal sieht man Spuren von Menschenhand.
Mal hier einen umgekippten Grenzpfosten, mal dort einen zerfallenen Schuppen, in dem die Fischer bei Unwetter oder Sturm Zuflucht finden können.
Das ist alles. Meist streift der Jäger durch unberührte Wildnis.
Das edle Federwild, das Birkhuhn, ist bei uns noch nicht ausgerottet.
Es gibt auch noch gutmütige Doppelschnepfen, und das geschäftige Rebhuhn erfreut und erschreckt durch sein plötzliches Aufschwirren den Jäger und den Hund.
In der Nacht zu Heilige Drei Könige waren über 50 Zentimeter Neuschnee gefallen.
Sicher kennt mein geneigter Leser die Wirkung, die unberührte weiße Flüche auf die Seele ausüben kann: Die Welt erscheint wie neu. In einer solchen verschneiten Landschaft scheint noch alles möglich.
So schnürte ich an einem klirrend kalten Januartag mein Bündel und machte mich auf die Pirsch in den großen Birkenwald, der am Ende unseres Gemüsegartens beginnt. Der Himmel war schwer und grau.
Schnee fiel in winzigen Flocken herab. Sie waren so klein, dass der Niederschlag eher wie gefrorener Nebel wirkte. Manchmal riss die graue Wolkendecke auf, und Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg in den Wald.
Hoch oben in den Ästen brach sich das Licht in den tanzenden kleinen Flocken, und es leuchtete in bunten Farben wie ein Regenbogen.
Bald entdeckte ich die erste Spuren. Ich folgte ihnen ins Unterholz. Ich verlor alles Zeitgefühl.
So geriet ich in eine Gegend, die mir fremd war.
Doch das Unbekannte ängstigte mich nicht. Das Weiß des Schnees beruhigte meine Nerven, die von den schwierigen Verwaltungsgeschäften der letzten Wochen angespannt waren.
Ich wurde eins mit dem Knirschen meiner Schritte.
Bald mischte sich ein anderer Ton darunter. Ich hielt inne und schaute mich um. Durch die verschneiten Äste nahm ich ein breites, graues Band wahr.
Es war der mächtige Strom der Wolga, von dem das Knarren der Eisschollen herüberwehte, die auf der Oberfläche gegeneinander stießen und fortwährend aneinander rieben.
Schnee rieselte von den Ästen in meinen Kragen, das Dickicht tat sich auf, und plötzlich stand ich auf dem breiten Uferstreifen des gemächlich dahinströmenden Flusses. Rings um mich lagen große Eisbrocken verstreut.
Auf einem davon saß mit dem Rücken zu mir ein großer Mann. Er trug einen teuren Wolfspelzmantel, der jedoch an Kragen und Ärmelaufschlägen von Motten zerfressen war. Seine Elchlederstiefel waren abgestoßen. Auf seinem Kopf saß eine schmutzige Lammfellmütze.
Er hockte mit gebeugtem Rücken in sich zusammengesunken da und stierte auf den Fluss, auf dem Eisschollen in großer Zahl trieben. Nur manchmal blickte er auf und schaute auf das andere Ufer, wo durch das verschneite Dickicht die Umrisse eines riesigen Gebäudes schimmerten. Ich hörte ihn laut seufzen.
Da es unhöflich ist, den Menschen in seinem Kummer zu stören, trat ich lautlos zurück ins Dickicht und folgte weiter den Spuren. So lief ich noch etwa eine Stunde. Dann ertönte plötzlich in der tiefen Stille ein leises, eigentümliches Krächzen und Zischen, dann das gleichmäßige Schlagen schneller Flügel, und eine Waldschnepfe flog, den langen Schnabel schön geneigt, hinter der dunklen Birke langsam meinem Schuss entgegen.
Ich sammelte sie auf, schlug sie in ein Tuch ein und steckte sie in meinen Rucksack. Dann folgte ich einem kleinen Nebenfluss der Wolga, von dem ich wusste, dass er mich zurück in Richtung meines Gutes führen würde.
Es wurde langsam dunkel. Durch die Dämmerung sah ich undeutlich das Dach einer windschiefen Behausung durch die Äste schimmern.
Ich ging darauf zu und stand bald vor einer Unterkunft, grob zusammengezimmert aus ungehobelten Fichtenbalken.
Ich klopfte an die Tür, und nach einigem Rumpeln trat ein Mann heraus. Er war in Lumpen gekleidet, war aber sorgfältig rasiert. Seine Fingernägel waren wie frisch manikürt. Er hieß mich eintreten. In einer Ecke brannte ein Kaminfeuer. Auf einem groben Tisch stand ein Samowar. Er beugte sich über den kleinen Schornstein und begann eifrig hineinzublasen. Die knisternde Kohlenglut beleuchtete hell sein faltiges Gesicht. Er bot mir Schwarzbrot und saure Gurken auf einem Teller mit Zwiebelmuster an. Wir aßen, tranken Tee, und tauschten einige Belanglosigkeiten über die Jagd aus. Dann erzählte er mir seine Geschichte.
"Ich heiße Jermolai. Ich war Gärtner bei Graf Pjotr Iljitsch. Er führte ein großes Haus. In seinem Festsaal traf sich die feinste Gesellschaft des gesamten Gouvernements. Lange liefen seine Geschäfte glänzend. Er legte den riesigen Sumpf trocken, der an sein Gut angrenzte und hinab zum breiten Strom der Wolga führte. Darauf ließ er eine naturgetreue Kopie von Versaille bauen. Das Schloss war aus Lärchenholz, der Garten war überaus prachtvoll. Graf Pjotr Iljitsch stellte eine Musikorchester aus Lyon ein, das schon morgens zum Frühstück Corelli und Charpentier auf Originalinstrumenten spielte.
Nach dem Tod seiner Frau wurde der Graf von Spielsucht ergriffen und verlor all seine Güter in Petersburg und Baden Baden. Seine Schuldner übernahmen sein hölzernes Versaille. Doch es erwies sich als zu kostspielig im Unterhalt. Es verfiel. Die Schuldner zerstritten sich untereinander, so dass sich bald niemand mehr um das Gut mit den dreitausend Leibeigenen kümmerte. All seine Bauern verarmten.
Ich suchte das Weite und fand dieses Plätzchen am Nebenarm der Wolga. Hier gibt es Unmengen von Fischen, besonders Äschen. An heißen Tagen hole ich sie mit den Händen unter den Sträuchern hervor. Kleine Sandschnepfen schwirren pfeifend längs der steinigen, von kalten und hellen Quellen durchfurchten Ufer; Wildenten schwimmen in die Mitte der Teiche und sehen sich vorsichtig um. Reiher stehen in den Buchten im Schatten der überhängenden Ufer."
Ich nahm einen Schluck heißen Tee und fragte: "Was wurde aus Graf Pjotr Iljitsch?"
"Niemand weiß es. Es gibt Bauern, die behaupten, sie sähen ihn manchmal in einem zerlumpten Wolfsmantel und abgetretenen Stiefeln am Ufer der Wolga sitzen, wo er seufzend auf die Ruinen seines prachtvollen Gutshofs auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses starrt. Andere sagen, sein erbärmliches Seufzen sei nichts als Tarnung. Der Graf käme nur in unsere Gegend, um heimlich frische Gelder aus den Vermögensbunkern zu holen, die er überall in den umliegenden Wäldern angelegt habe."
Jermolai erhob sich, legte einen Scheit Birkenholz in das Kaminfeuer und blies einen Moment nachdenklich mit einer Schweinsblasenbalg Luft in die Glut. Dann gab er mir mehrere mit Stroh gefüllte Kartoffelsäcke, aus denen ich mir beim Ofen eine Bettstatt einrichtete.
Ich legte mich hin und horchte noch eine Weile auf das Geräusch von Eisschollen, die gegeneinander stießen. Dann schlief ich ein und träumte vom Klacken bunter Holzkugeln. Es war der Rechenschieber von Baron Radilow, dem unbarmherzigen Bankier des Zaren.