Medienkritik: Das bisschen sexualisierte Gewalt

Medienkritik: Das bisschen sexualisierte Gewalt
Andrew Mountbatten-Windsor in den Epstein-Files (©: US-Justizministerium)

Am 20. Februar 2026 eröffnete der UK-Korrespondent der FAZ, Johannes Leithäuser, einen Kommentar zur Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor mit den folgenden Sätzen: "Die Festnahme Andrew Mountbatten-Windsors fügt dem Ansehen der britischen Monarchie einen schweren Schaden zu; existenzbedrohend aber ist sie für den gegenwärtigen Premierminister Sir Keir Starmer. Denn der frühere Prinz Andrew wurde ja nicht wegen seiner – von ihm noch immer bestrittenen – sexuellen Begegnungen mit minderjährigen Gespielinnen in Gewahrsam genommen, die ihm der amerikanische Finanzier und Bösewicht Jeffrey Epstein zuführte."

Ausriss aus der FAZ vom 20.02.2026

Auf der Website wurde diese ursprüngliche Fassung inzwischen geändert. Korrigierte Online-Version hier (paid):

Ex-Prinz Andrew festgenommen: Politisch tödlich für Starmer?
Andrew Mountbatten-Windsor wurde festgenommen – die britische Monarchie ist erschüttert. Für Premierminister Keir Starmer aber könnte der Fall politisch tödlich werden.

Ich möchte die ursprüngliche Fassung des Kommentar-Einstiegs hier festhalten, denn er scheint mir ein Schlüsseltext für das Verständnis des gesamten Epstein-Komplexes zu sein. Im zweiten Satz des ersten Absatzes – in einem einzigen Satz! – kondensieren sich nämlich sämtliche Mängel der medialen und juristischen Aufarbeitung dieses Jahrhundert-Skandals. Der Satz ist symptomatisch für ein globales Medien- und Justizversagen.

Fröhliche Menschen in freier Entfaltung?

Johannes Leithäuser findet in diesem einen Satz nichts als beschönigende und verharmlosende Worte für Sexualverbrechen. Sexualisierte Gewalt nennt er "sexuelle Begegnungen". Opfer von sexualisierter Gewalt "Gespielinnen". Dabei verweist dieses Wort auf freiwillige Handlungen, die allen Beteiligten Freude bereiten. Nichts davon trifft auf den hier verhandelten Sachverhalt zu. Auch schwingt in "Gespielinnen" das Wort "Spiel" mit. Man sieht vor seinem geistigen Auge fröhliche Menschen in freier Entfaltung. Und nicht etwa junge Frauen oder Kinder in Schockstarre, wie eben jene Person auf dem besonders fürchterlichen Foto aus den zuletzt veröffentlichten Epstein-Files, das oben zu sehen ist.

Doch damit nicht genug: die Wortkopplung "minderjährige Gespielinnen" verschleiert, dass es sich bei vielen Opfern von Epsteins Missbrauchsring schlichtweg um Kinder handelt. Diese Tatsache wird mit der verharmlosenden Wortkopplung "minderjährige Gespielinnen" vollends in den Hintergrund gedrängt. Schon die in der Berichterstattung oftmals verwendeten Begriffe "minderjährige Frauen" wären hier eine Verharmlosung von pädophilen Straftaten. Der Begriff "minderjährige Gespielinnen" ist doppelt verharmlosend und stellt geradezu eine Verhöhnung von Opfern dar.

Des weiteren unterstreicht der Einschub "von ihm noch immer bestrittenen", dass der Autor in seinem Kommentar eher bereit ist, die Perspektive des Täters einzunehmen als die von Opfern. Während er die Opfer mit verharmlosenden Begriffen beschreibt, legt er ganz besonderen Wert darauf, selbst auf geringstem Textraum die Täterperspektive nicht zu unterschlagen. Im Zweifel für den Angeklagten. Die Opfer werden verschmitzt belächelt: "Gespielinnen".

Der Nebensatz dieses zweiten Kommentar-Satzes verschiebt die gesamte Argumentationseröffnung ins grotesk Surreale: Indem der Kommentator den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein als "Bösewicht" bezeichnet, wirkt Andrew Mountbatten-Windsor nun plötzlich selbst fast wie ein Opfer. Im Subtext meint man ein entschuldigendes Säuseln zu hören: "Was kann der arme Prinz schon für all diese lästigen Vorwürfe von sexualisierter Gewalt – die er selbst übrigens bestreitet? Befand er sich nicht unter dem Einfluss eines mythischen 'Bösewichts', der ihm 'Gespielinnen' für 'sexuelle Begegnungen' 'zuführte'?"

"Prinzen" und "Bösewichter" in abstrakten Lustschlösschen

Der Begriff "Bösewicht" gehört zum Märchenvokabular. Damit verschiebt der Autor das hier Verhandelte in eine Welt des Irrealen, in dem "Prinzen" und "Bösewichter" mit ihren "Gespielinnen" in abstrakten Lustschlösschen diffuse "Begegnungen" haben.

Mit nur 246 Zeichen (inklusive Leerzeichen!) lässt Leithäuser sexualisierte Gewalt als Petitesse erscheinen. Damit dürfte dieser erste Absatz eines politischen Kommentars eine der effizienteste Verharmlosung von sexualisierter Gewalt in der jüngeren Pressegeschichte sein. Und das auf Seite 1 der gedruckten FAZ. Noch über der Falz. Bei einem Jahrhundertskandal wie dem Epstein-Komplex.

Gerhard Schröder würde sagen: "Gedöns"

Durch rhetorische Beschönigungen erscheint alles, was in diesem ersten Absatz verhandelt wird, als Nebensache. Altkanzler Gerhard Schröder würde sagen: "Gedöns". Die argumentative Dramaturgie des Textes und seine stilistischen Strategien suggerieren: "Das war hier nur das Intro. Das wirklich Wichtige kommt erst gleich. Über Rotkäppchen-Schnurren wie sexualisierte Gewalt stürzen Männer nicht. Was in der toxischen Männerwelt der Politik und Wirtschaft wirklich zählt, ist geschäftsschädigendes Verhalten."

Eine solche Rhetorik spiegelt nun tatsächlich eben jenen gesellschaftlichen und politischen Kontext wider, der im gesamten Epstein-Komplex verhindert, dass die Verbrechen aufgeklärt und die Verantworlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Dieser erste Absatz zeigt exemplarisch, dass Vergewaltiger erst dann wirklich etwas zu befürchten haben, wenn sie gegen Männerkodizes verstoßen. Richtig gefährlich wird es für sie erst dann, wenn der reibungslose Ablauf von Geld- und Regierungsgeschäften gestört wird. Somit wird Leithäusers Satz zum symptomatischen Schlüsselsatz des gesamten Epstein-Skandals.