Erinnerungen: Literaturkritik in den 90ern

Erinnerungen: Literaturkritik in den 90ern
"Von Sigrid Löffler lernten wir die Kunst, einen Schokokeks auf der Nase zu balancieren"

Nicht nur die Anfänge des Popjournalismus waren eine sehr aufregende Zeit (s.a.: Erika Thomalla: "Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus", Frankfurt, 2025). Auch der Literaturbetrieb war damals noch wild & gefährlich. Persönliche Erinnerungen

Gestern postete der Kulturwissenschaftler Johannes Franzen auf Facebook eine schöne Trouvaille aus seinem Forschungsarchiv: Ein Auszug aus Jörg Magenaus Verriss von Bodo Kirchhoffs Drama „Mach nicht den Tag zur Nacht“ aus der "taz" vom 05.07.1997.

Der Kritiker Gustav Seibt kommentierte: "Those were the days."

Und tatsächlich: Die späten 90er waren die goldenen Jahre der Literaturkritik. Meine erste Grunewald-Villa finanzierte ich mit einem Coelho-Verriss. Die zweite mit einer zügellosen Polemik gegen Literaturpreise. Danach war ich ein gemachter Mann und gehörte zum inneren Zirkel um Snorri "Nebel" Sturluson. Nur wenige kannten "Nebel", den geheimnisvollen isländischen Privatgelehrten. Aber die, die er zu den Seinen zählte, durften sich als Samurai des Geistes fühlen. Die glitzernde Welt des deutschen Literaturbetriebs stand ihnen mit all ihren Verlockungen offen.

Die "Tagesschau" rief uns an, wenn wieder einmal irgendein unbekannter Ungar den Nobelpreis bekam. Bei der Buchmesse übernachteten wir im "Frankfurter Hof". Unsere Bademäntel waren rosa; unsere Puschen besetzt mit den Daunen der hochaggressiven Küstenseeschwalbe. Letztere wurde unser Wappentier: elegante Flugkurve in hyperboräischer Kälte, steile Attacken mit entsichertem Schnabel.

Der Concierge war unser Freund. Er gab uns immer die Zimmer gleich neben dem von Jonathan Franzen, mit Blick auf Goethes Geburtshaus. Star-Agent Andrew "Der Schakal" Wylie zahlte unsere Flatrate unten an der Bar.

Zurück auf dem Zimmer, tranken wir Absinth aus der Minibar und führten Schildkröten über die samtenen Flure spazieren, ihre Panzer waren besetzt mit funkelnden Edelsteinen, die bunten Widerschein auf die Türen der Zimmer von Marguerite Duras, Salman Rushdie und Gabriel García Márquez warfen.

Beim Suhrkamp-Messeempfang steckte uns Rainald Goetz Blankoschecks zu. Martin Walser flüsterte uns zu, er habe eine so genannte "Krypto-Währung" erfunden und sendete uns 100 Einheiten davon in eine "Wallett", die seine Assistentin mit wissendem Lächeln auf unseren klobigen Handys installierte. Wir lachten den launigen Luftikus aus und vergaßen das Passwort.

Hafti machte die Tür

Aber was sind schon Milliarden, wenn Dich gleich nach Verzehr von Ulla Berkéwiczs legendären Wachtel-Häppchen in der Suhrkamp-Villa der verstoßene Unseld-Sohn Joachim von seinem Chauffeur zu seiner "Mitternachtssuppe" abholen lässt? Haftie machte die Tür, damals kannte ihn noch keiner. Außer Joe Unseld.

Seine Villa war eine reine Poesiemaschine: Im Keller züchtete er halluzinogene mexikanische Pilze, die H. C. Artmann um 5 Uhr morgens in dickes Papier aus Mitsumata-Fasern einrollte, das er lachend aus einer kostbaren Sammlerausgabe von Mishimas "Klang der Wellen" gerissen hatte. Von Sigrid Löffler lernten wir die Kunst, einen Schokokeks auf der Nase zu balancieren.

Damals kämpften die Zeitungen noch um uns Starkritiker. Thomas Steinfeld lief von der FAZ zur SZ über. Von der Ablöse kaufte er ganz Südschweden. Schirrmacher war so beleidigt, dass er sich Joe Unselds Chauffeur auslieh und mit drei Goldkoffern nach München fuhr und damit 2 Dutzend kettenrauchende Pop-Journalisten ins hässliche Frankfurt lockte, wo er am Main das "Schumann's" originalgetreu nachbauen liess. Nur, weil er einen Literaturkritiker verloren hatte.

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