GEDICHTANALYSE: "Chabos wissen, wer der Babo ist" von Haftbefehl

GEDICHTANALYSE: "Chabos wissen, wer der Babo ist" von Haftbefehl
Letzte Festung des Bildungsbürgertums: Gedichtinterpretationen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"

Hamburger Anthologie

Gedichte und Interpretationen, begründet von Stephan Maus

Haftbefehl: "Chabos wissen, wer der Babo ist" (2012)
"Chabos wissen, wer der Babo ist
Hafti Abi ist der, der im Lambo und Ferrari sitzt
Saudi Arabi Money Rich
Wissen, wer der Babo ist
Attention, mach bloß keine Harakets
Bevor ich komm’ und dir deine Nase brech’"

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Wer sind die Chabos? Wer ist der Babo? Das ist die existentielle Frage, die dieser Song stellt. Bist du Chabo, hockst du unten. Bist du Babo, thronst du oben. Wer Babo ist, hat's geschafft. Die anderen sind die Chabos und müssen unten rudern, dort, wo es dunkel ist, im pestverseuchten, stickigen Bauch der Galeere.

Chabo oder Babo, das ist hier die Frage. Um mehr geht's heute nicht: Babo sein. Und wenn du es zum Babo gebracht hast, lässt du es die Chabos spüren. Das ist nicht besonders schwer. Denn wenn du ein echter Babo bist, merken die Chabos schnell, dass sie nichts als Chabos sind. Chabos spüren die Macht des Babos wie das Wolfsrudel die Kraft des Leittieres.

Auch wenn Aykut Anhan das Verhältnis zwischen Chabo und Babo als scheinbar unüberwindlichen Gegensatz inszeniert, zeigt der Text doch auf seiner klanglichen Mikro-Ebene, dass es trotz Heckmeck und Auf-die-Fresse hier vor allem um die feinen Unterschiede geht. Der Dichter aus dem Offenbacher Kleinkriminellenmilieu hat seinen Bourdieu gelesen.

Chabo und Babo - rein in der phonetischen Materialität ist die Differenz zwischen beiden nur minimal. Der Babo steckt im Chabo und umgekehrt. Sie sind von ganz ähnlichem Stoffe, nur unterscheidbar durch den Anfangslaut: "ch" oder "b". Während das "Ch" den Klang durchrauschen lässt, wird das "B" hervorgebracht durch einen Laut, der tief aus dem Bauchraum kommt, dort, wo sich die fauligen Gase stauen, und an den zusammengepressten Lippen zerplatzt. "Ch" winkt durch, während "B" sich allem vorwärts drängenden Durchrauschen machtvoll entgegenstellt. Merkste selber, wer von diesen beiden Lauten der Babo ist, oder?

Berücksichtigt man die aggressive Chabo/Babo-Dichotomie des Textes, könnte man nun zu dem Schluss kommen, Aykut Anhans Text beschränke sich einzig auf die affirmative Feier spätkapitalistischer Herrschaftsstrukturen. Doch das hieße, die unterschwellige Botschaft des Textes zu verpassen. Denn unüberwindlich ist die feine Grenze zwischen Chabo und Babo nun beileibe nicht.

Studiert man sorgfältig, wie der Text mehrere Sprachen inszeniert, wie er einfache Reime ("Rudi"/"Brudi") mit komplexen mischt ("Push Kick" / "Luft Kriegst"), wie er feine Musikalität und dumpfe Brutalität vereint, - ja, wie er eine Art spielerische Sanftheit mit toxischer Maskulinität verschmilzt, muss man wohl zu dem Schluss kommen, dass wir angesichts von Aykut Anhans tröchäisch vorantreibender Suada der Schöpfung einer ganz neuen Straßenpoesie beiwohnen.

Für 2:21 Minuten löst sich im lustvollen Humor eines grotesken Dadaismus' der tödliche Distinktionszwang auf, und Chabos und Babos streunen kopfnickend zwischen den Boxen zu einer ganz neuen Art von Räubermusik hin und her. Im utopischen Raum des solidarischen Tanzens und einer augenzwinkernd zelebrierten, streng kodierten und ritualisierten Balz lösen sich all die Unterschiede zwischen Chabo und Babo in Wohlgefallen auf.

Und was bleibt, ist das feiernde Subjekt. Kein Chabo, kein Babo, sondern nur ganz einfach: Der Mensch.

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