GEDICHTANALYSE: "Brudertreff" von Wolfram Weimer

GEDICHTANALYSE: "Brudertreff" von Wolfram Weimer
Letzte Festung des Bildungsbürgertums: Gedichtinterpretationen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"

Hamburger Anthologie

Gedichte und Interpretationen, begründet von Stephan Maus

Wolfram Weimer: Brudertreff
Gestern traf ich meinen Bruder
Und hab ihn kaum erkannt.
Ein Arsch war er
Mit dicken, roten Falten.
Er spritzte mir den Würmerkot in mein Gesicht.
Ich fraß ihn,
Wurde stark und frei
Und lachte noch dabei.
(aus: "Kopfpilz" von Wolfram Weimer, 1986)

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Wolfram Weimer muss gerade viel Spott wegen einiger Gedichte ertragen, die er im Alter von etwa 20 Jahren schrieb. Doch der Hohn wird der Dichtkunst unseres geschätzten Kulturstaatsministers nicht wirklich gerecht. Wir müssen die Werke des jungen Weimer im Lichte des jahrhundertealten Gegensatzes zwischen höfischer und volkstümlicher Kultur lesen.

Höfische Kultur diente stets zur Verherrlichung eines elitären Herrscherzirkels. Sie inszenierte Maskeraden, Prunkfassaden, Verstellung. Volkstümliche Kultur hingegen zeigte stets das Rohe, Unverstellte, Direkte. Ungehemmt feierte sie solidarische Verbrüderung in Rausch und Enthemmung.

Der russische Literaturwissenschaftler Michail Michailowitsch Bachtin hat gezeigt, dass volkstümliche Kultur eine wahrhaft subversive Sprengkraft entwickeln kann, die den glänzenden Spiegel repräsentativer Herrscherkultur einzutrüben vermag, um dann nicht mehr das fein gepuderte Antlitz des Königs zu zeigen, sondern die hässliche Fratze alles Autoritären. Der Höhepunkt dieser volkstümlichen Kultur findet sich im alljährlichen Karneval, in dem die Narren dem König ihren blanken Hintern entgegenstrecken.

Epiphanie eines Arsches

Genau hier setzt nun Weimers Gedicht an. Es inszeniert einen Machtkampf zwischen zwei Brüdern, wie wir ihn seit Kain und Abel kennen. Das Gedicht fokussiert auf einen Moment der Befreiung. Wie in einer Epiphanie erscheint der mächtige Bruder plötzlich nicht mehr als kaltes Antlitz der Macht, sondern als hässlicher Arsch "mit dicken, roten Falten."

Weimer ist nicht der Erste, der in seiner Dichtkunst das Hinterteil in greller Nahaufnahme zeigt. Er befindet sich hier in bester Tradition junger, subversiver Dichter. Schon der französische Avantgardist Arthur Rimbaud ließ im Alter von 16 Jahren sein Gedicht "Vénus Anadyomène" mit einem Geschwür am Anus enden, um so das klassische Schönheitsideal zu zertrümmern und eine revolutionäre Poesie der Hässlichkeit einzuführen.

In Weimers Brudergedicht absorbiert ein Erniedrigter tapfer alle Exkremente der Verachtung, verdaut sie nun seinerseits und verwandelt sie in einem mysteriösen alchemistischen Prozess in innere Kraft. Wer frei sein will, muss Scheiße fressen. Das lyrische Ich überwindet hier seine Position des Erniedrigten und feiert seine Befreiung in fröhlichem Lachen. Dies ist unverkennbar das unzähmbare Lachen des antiautoritären Karnevals, wie wir es aus Bachtines Studie über den französischen Renaissance-Autor François Rabelais kennen (Bachtine: "Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur", 1940).

Weimer setzt hier das Vulgäre gezielt zur subversiven Dekonstruktion der Unterdrückung ein. Sein Vergnügen an derben Versen erinnert an den Übermut eines wilden Mozart, der im Rokoko-Salon der Comtesse seine Hose herunterlässt und der feinen Gesellschaft seinen blanken Hintern zeigt.

"Windbeutel Weimer"

Wir dürfen uns nicht über Weimers Jugendgedichte erheben und sie als etwas Skandalöses verspotten. Im Gegenteil: Wir müssen sie als das einzig wirklich Authentische an dem "Windbeutel Weimer" (Jürgen Kaube) begreifen. In diesen Gedichten sehen wir einen jungen Mann, der noch an die subversive Kraft des Rohen und Ungeschliffenen glaubt. Diese Gedichte zeigen, dass Weimer in seiner Jugend durchaus einen rebellischen Geist besaß und Lust am Provozieren verspürte.

Erst im Laufe der Jahre wird er sich in einem inneren "Zivilisationsprozess" (Norbert Elias) alles Authentische abtrainieren. Der "Windbeutel Weimer" wird alles Volkstümliche in sich domestizieren und sich eine Maske zulegen, um einen steilen Aufstieg im streng codierten Milieu der höfischen Kultur hinlegen zu können. Mit Erfolg: Aus dem ehemals subversiven Dichter wurde ein Blender, ein Maskenspieler, ein Tegernsee-Höfling, der es bis zum Narr des Königs brachte: Zum Kulturstaatsminister.

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