Franz Xaver Kroetz als rebellischer Webdesigner
Anlässlich des 80. Geburtstages von Franz Xaver Kroetz hat Christine Dössel eine Würdigung für die "Süddeutsche Zeitung" geschrieben. Der Text ist sehr schön geworden. Hier ist er (free):

Nur in einem Punkt wird der Dichter zu wenig gewürdigt. Christine Doessel schreibt: "Weit mehr als 60 Stücke hat Kroetz geschrieben, er zählt sie längst nicht mehr. Viele hat er vernichtet. '50 plus x vorhanden', heißt es auf seiner sehr analog aussehenden, wie mit einer Schreibmaschine getippten Website, die schon ewig nicht mehr aktualisiert wurde (Hallo, 'Büro Kroetz', was ist los?)."
Für meinen Geschmack wird Kroetz hier als Websedisgner und Internet-Aktivist sträflich unterschätzt. Denn seine Homepage ist ein wahres Meisterwerk. Sie ist ein lässiger Akt des digitalen Widerstandes. Schaut selbst:
Verkommene Epstein-Algorithmen
Während heute jede Journalisten-Schüler:In ihren Newsletter oder ihr Blog auf irgendeiner amerikanischen Schrottplattform wie "Substack" oder "Medium" hosten lässt, wo man dann seine systemkritischen Artikel von intransparenten Algorithmen verbreiten lässt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von irgendeinem libertären Tech-Tycoon in Auftrag gegeben wurden, der schon 100 Mal vor Trump den Bückling gemacht hat und sich seine Flüge, Abendessen und Longevity-Spas von Jeffrey Epstein bezahlen ließ, wählt Franz Xaver Kroetz radikalen Minimalismus. Der Dichter braucht keine Tech-Konzerne.
Sein "eleketronisches Schaufenster" lädt schnell wie der Blitz. Warum? Weil es reines HTML ist, die Ursprache des Internets. Der Code wurde wahrscheinlich in irgendeinem Wirtshaus mit wackeligem Internet im Bayerischen Hinterland handgecodet. Das ist wahre Aufklärung im Sinne Kants: Der User muss sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit herausprogrammieren.
Für so eine Seite muss man nicht stundenlang mit "Claude Code" oder irgendeinem anderen verkommenen KI-Tool "vibecoden", ohne je zu verstehen, was man da gerade eigentlich macht. So ein Seite kann jeder nach einer Stunde HTML-Youtube-Einführung selber schreiben. Man weiß, was das Geschriebene macht, es gibt keine Überraschungen. So schreiben die Dichter unter den Programmierern. Kroetzens Seite ist ein kraftvoller Appell zur digitalen Selbstermächtigung.
Seine Seite verzichtet bewusst auf all die bekloppten Content-Management-Systeme wie WordPress, Joomla, Typo 3 oder Drupal, mit denen sich jeder Trottel sein Internet zusammenklicken kann, ohne zu verstehen, was passiert. Und wenn dann ein Update kommt, bricht alles zusammen.
Katzengleich springt die Seite in den Cyberspace
Bei Kroetz gibt es keine schwerfälligen PHP-Datenbanken, in denen kryptische Inhalte vor sich hingammeln und bei jedem Abruf erst mühselig von einem behäbigen Algorithmus zusammengepuzzelt werden müssen. Die Seite ist schlank, effizient und transparent. Fix und fertig liegt sie in all ihrer Anmut und ihrem technischen Undestatement auf dem Server, bereit, katzengleich in den Cyberspace zu springen, sobald jemand mit einem Mausklick Interesse für Kroetzens Theaterstücke bekundet.
Kroetz hat für seine dramatische Werkschau das gute, alte statische Internet gewählt. Und nicht etwa das dynamische, so genannte Web 2.0, das von libertären Autokraten-Geistern wie Mark Zuckerberg, Peter Thiel, Elon Musk und Co erfunden wurde, damit jeder Holzkopf seinen Senf unter irgendwelche Beiträge schreibt, sich beim Kommentieren immer mehr an sich selbst berauscht und langsam endorphinsüchtig wird, bis das Gehirn umprogrammiert ist und man hilflos in den Klauen der Tech-Oligarchen hängt. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass wirklich ausnahmslos alles an dem heutigen Internet schlecht ist.
Bis eben auf Seiten, die jenen rebellischen Geist atmen, den Kroetz hier zelebriert. Den alten Grantler interessieren keine dynamischen Inhalte. Bei ihm gibt's keinen Austausch zwischen Sender und Empfänger, der sowieso immer nur so heuchlerisch war wie einer dieser lächerlichen Agile-Coaching-Workshops, die ein Mal im Semester Mitspracherecht simulieren. Bei Kroetz hält das Publikum die Klappe, und der Dichter verkündet, was er zu sagen hat. Oldschool.
Kroetzens Seite ist ein deftiger Stinkefinger gegen das dynamische Internet und die datensaugenden Polarisierungsmaschinen der monopolistischen Autokraten-Konzerne, die mit ihren schäbigen Algorithmen die Gesellschaft nach ihrer abgrundtief verkommenen Ideologie ordnen. Der Dichter hat – instinktiv oder bewusst – eine Form gewählt, die mit reinem HTML den ganzen Irrsinn des libertären Schrott-Internets demontiert, in dem überall der ekelhafte Geist von Jeffrey Epstein steckt.
Diese Homepage ist schlicht, schlank und schön. Sie braucht nicht den üblichen Cookie-Consent-Banner, weil diese reine HTML-Seite einfach keine Nutzerdaten braucht, um zu funktionieren. Solche Seiten kommen inzwischen eigentlich nur noch von Hackern aus dem "Chaos Computer Club". Da steht dann drunter: "Proudly presented by HTLM", in höhnischer Abwandlung des Mottos "Proudly presented by Wordpress".
Auf Kroetzens Internetpräsenz stehen Form & Inhalt harmonisch im Einklang. Gut gecodet, Baby Schimmerlos! Ach so: Happy Birthday!
