Forensische Stilkritik: Steckt der russische Geheimdienst hinter dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz?
In der Nacht zum 03.01.2026 ließ Donald Trump den Präsidenten von Venezuela Nicolás Maduro entführen. Dem amerikanischen Präsidenten geht es bei dem rechtswidrigen Gewaltakt vor allem um fossile Energiequellen, denn er möchte die reichen Ölreserven des lateinamerikanischen Landes unter seine Kontrolle bringen.
Nur wenige Stunden nach Maduros Entführung verübten Öko-Terrorist:Innen einen Brandanschlag an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal nahe des Gaskraftwerks Berlin Lichterfelde. Seitdem sind etwa 45.000 Berliner Haushalte, in denen ca. 70.000 Menschen leben, ohne Strom. Im gesamten Berlin leben etwa 3,9 Millionen Menschen in 2,2 Millionen Haushalten. Somit sind etwa 2 Prozent der Berliner Gesamtbevölkerung von den Folgen des Anschlags betroffen.
Auch bei diesem rechtswidrigen Gewaltakt geht es um fossile Energiequellen. Einen Tag nach dem Anschlag wurde auf dem linken Internetportal "Indymedia" ein Bekennerschreiben mit der Überschrift „Den Herrschenden den Saft abdrehen“ gepostet, in dem der Anschlag als Protest gegen die Vernichtung der Umwelt durch fossile Energie gerechtfertigt wird. Der Absender nennt sich "Vulkangruppe". Das Schreiben findet sich hier:

Nun gibt es zahlreiche Spekulationen zum Urheber dieses Schreibens. Die Berliner Sicherheitsbehörden haben es als authentisch eingestuft. Doch das Innenministerium des Bundes hat noch Zweifel. Im Netz zirkulieren zahlreiche Verschwörungstheorien, von denen die beliebteste behauptet, der russische Geheimdienst stecke hinter der Aktion.
Der österreichische Filmemacher Hans Weingartner, der 2004 das Aktivist:Innen-Drama "Die fetten Jahre sind vorbei" mit Daniel Brühl in der Hauptrolle in die Kinos brachte, analysiert das Bekennerschreiben auf Facebook mit folgenden Worten: "Das Vokabular ist völlig untypisch. Ausserdem weird: 'Gier nach Energie'?? What? Hä?? Das Leitmotiv müsste sein Drecksbonzen etc, Milliardäre etc. 'Strukturen aufbrechen' usw. 'entmachten' 'herrschende Verhältnisse' … es fehlt das ganze Marxistenvokabular. Ganz klar von FSB Funktionären mit KI geschrieben."
Franziska Giffey und die Wegwerf-Agenten
Es treten Experten auf den Plan, die glauben, in dem Bekennerschreiben sprachliche Auffälligkeiten entdeckt zu haben, die darauf hinweisen würden, der Text sei aus dem Russischen übersetzt worden. So werde die Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey fälschlicherweise "Giffay" geschrieben, und das sei erwiesenermaßen ein typisch russischer Fauxpas.
Ich hingegen glaube nicht, dass der russische Geheimdienst dilettantischer arbeitet als ein Berliner Strommanager. Ich glaube auch nicht, dass so genannte russische "Wegwerf-Agenten" den Kurzschluss in der Kabelbrücke über dem Berliner Teltow-Kanal verursacht hat. Warum sollte der Geheimdienst dafür sorgen wollen, dass Deutschland endlich merkt, wie fragil seine Infrastruktur ist? Warum sollte der KGB dem Berliner Bürgermeister Kai Wegner einen Warnschuss vor den Bug setzen, damit er sich eine Taschenlampe, ein Batterien-Radio und ein paar Dosenkonserven mit Erbsensuppe kauft und endlich die Infrastruktur seiner Stadt auf Vordermann bringt? Ein ordentlicher Geheimdienst verschießt sein Pulver nicht. Sage ich als Agent Maus.
Ich glaube auch nicht, dass das Bekennerschreiben mit KI erstellt wurde. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT habe ich versucht, die dumme KI zu Parodien zu bewegen und habe dabei festgestellt, dass sie darin sehr schlecht ist.
Siehe u.a. meine "stern"-Kolumne "Auf eine Zigarette mit ChatGPT":

ChatGPT ist nicht nur sehr schlecht im Generieren von Rollenprosa, sondern weigert sich inzwischen sogar rundheraus, terroristische Bekennerschreiben zu verfassen, wie ich heute festellen musste:

Um ein Bekennerschreiben zu generieren, müsste man die störrische KI schon sehr geschickt überlisten. Ich glaube allerdings nicht, dass dabei dann ein überzeugendes Bekennerschreiben herauskommen würde. Denn die KI würde genau die Vokabeln nutzen, die der Regisseur Hans Weingartner in einem solchen Bekennerschreiben vermuten würde. Denn genau das ist es, was sich KI und der Rest der Republik unter "linkem Stil" vorstellt.
Doch es sind eben keine klassischen Linken, die hier schreiben. Sondern es sind radikalisierte Klimaaktivist:Innen, die einen ganz anderen Referenzhorizont und einen ganz anderen Stil als klassische Marxisten nutzen. Sie haben nicht die Utopie im Visier, sondern die Apokalypse. Man kann also auch einfach in Frage stellen, ob diese Vulkangruppe überhaupt links ist. So schreibt der Soziologe Oliver Nachtwey auf Bluesky: "Die Vulkangruppe hält sich für links, ist aber einfach nur destruktiv und politisch nihilistisch."
Vordenker aller Öko-Terrorist:Innen: Andreas Malm
Diese terroristischen Aktivist:Innen orientieren sich an dem schwedischen Humangeographen Andreas Malm. Ihr Bekennerschreiben verweist in Ton und Argumentation auf Malms Klassiker "How to Blow Up a Pipeline: Learning to Fight in a World on Fire", das auch die Vorlage zu Daniel Goldhabers gleichnamigem Film war.

Malm schreibt in dem 2021 erschienenen Sachbuch, dass die derzeitige Klimabewegung viel zu stark auf friedlichen Protest und moralischen Pazifismus setze und deshalb weitgehend wirkungslos geblieben sei. Angesichts der eskalierenden Klimakrise sei eine solche Strategie nicht mehr ausreichend. Malm fordert, dass die Bewegung nun radikalere Taktiken erwägen müsse, einschließlich Sabotage der fossilen Infrastruktur. Nur so könnten wirklich substantielle Veränderungen erzwungen werden. Für Malm sind zerstörerische Aktionen gegen klimaschädliche Anlagen wie Pipelines oder eben Gaskraftwerke wie das in Berlin Lichterfelde nicht etwa irrational oder kriminell, sondern logische und moralisch vertretbare Eskalationsformen im Kampf gegen den Klimawandel.
Der Stil des Bekennerschreibens ist zudem von einer tiefen Revolutionsromatik gekennzeichnet, wie man ihn auch aus dem Essay "Der kommende Aufstand" des französischen Autorenkollektivs "Comité invisible" kennt. Die Verfasser:In ist erkennbar stolz auf ihre Formulierungen. Und ist darüber hinaus sehr enttäuscht, dass nicht genügend Menschen ihren apokalyptisch-radikalen Stil würdigen können.
Das zeigt das mürrische Update, das dem Original vorangestellt ist, und in dem es heißt: "Unsere Erklärung ist bis heute aus politischem Kalkül nicht öffentlich gemacht worden, bzw. nur um 5:30 kurz auf Radio Eins. Danach verschwanden alle Zitate auf Intervention."
Die Öko-Terrorist:In als beleidigte Autor:In
So klingen beleidigte Autor:Innen. Diese Menschen wollen nicht unbedingt Kabel brennen sehen, sondern vor allem gelesen werden. Dazu sind ihnen alle Mittel recht. Solche Genoss:Innen sind wahrscheinlich die gefährlichsten aller Aktivist:Innen. Niemand ist radikaler als enttäuschte Künstler.
Trotzdem scheint es mir glaubwürdig, dass diese Menschen den Schaden bedauern, den ihr Anschlag angerichtet hat. Denn diese Aktivist:Innen glauben wirklich, dass ihre Aktion dem Gemeinwohl dient, wie sie in ihrem Schreiben bekräftigen. Sie wollten nicht, dass Oma Erna in ihrem Wohnblock in Lichterfelde friert und sich nichts mehr zu Essen machen kann. Als sie auf der Brücke überm eisigen Teltow-Kanal balancierten und die Metallspieße in die Kabel steckten, um den Kurzschluss herbeizuführen, dachten sie an die feinen Villen am Wannsee und die noblen Residenzen am Schlachtensee, nicht an die Hochhaus-Blocks in Lichterfelde.
So ist das mit der Revolution: wenn das Licht ausgeht, mietet der Adel sich einfach ein Airbnb in Berlin-Mitte. Doch das Proletariat muss hungern und frieren. Von Aktivist:Innen, die sich an einem schwedischen Humangeographen orientieren, sollte man erwarten, dass sie wenigstens Stadtpläne und Gehaltstabellen studieren, bevor sie einen Kurzschluss in einem Kraftwerk verursachen. Oder wie "DennisKBerlin" auf Bluesky schreibt: "Wir werden den Klimawandel übrigens nicht bekämpfen, wenn wir ganz normalen Leuten in Lichterfelde im tiefsten Winter den Strom abschalten."
Viele Menschen machen sich nun über den Stil des Schreibens lustig. Ich sehe das anders. Das Schreiben ist gut. Es hat das Zeug zum Klassiker von öko-anarchisticher Bekenner-Prosa. Am Ende ihres Textes wünschen sich die Öko-Terrorist:Innen Solidarität. Das scheint zynisch angesichts der verheerenden Lage, die sie herbeigeführt haben. Doch ich glaube ihnen ihr Bedauern. Hier schreiben Menschen, die ernsthaft verzweifelt über die Klimakrise und die scheinbare Nutzlosigkeit von gewaltfreiem Widerstand sind. Paradoxerweise erfüllt sich die Erwartung der Aktivis:Innen: Der Stromanschlag scheint tatsächlich zu großer Solidarität in der Stadt geführt zu haben. Der Weltgeist ist ein Klimaterrorist.
Das Bekennerschreiben ist ein trauriges Dokument. Es zeugt von einer Bewegung, die in Hoffnungslosigkeit steckt. Sie versucht verzweifelt, über die Dramatik der Weltlage aufzuklären. Streckenweise klingt sie dabei wie eine freundliche Grundschullehrer:In, die ihr unaufmerksames Publikum um etwas mehr Geduld bittet ("das hört sich langweilig an").
Doch mit ihrem terroristischen Anschlag verspielen diese Aktivist:Innen weitere Sympathien für die Klimabewegung. Es erscheint deshalb nur folgerichtig, dass man das Bekennerschreiben für den Fake von populistischen Kräften halten möchte, die eben diese so wichtige Bewegung diskreditieren möchte. Die Tragik: Das Schreiben ist authentisch. Das ist furchtbar. Denn diese Welt braucht glaubwürdige, anschlussfähige Aktivist:Innen, die etwas bewegen können. Sonst entsteht ein Schaden, der größer ist als der schlimmste Kabelbrand im Heizkraftwerk um die Ecke.