Der Flaneur - Newsletter #5 - 01/2026
Liebe Freund:Innen der ungekämmten Gedankenstreunerei!
Willkommen zum fünften Newsletter meines Blogs "Der Flaneur". Frohes neues Jahr!
"Der Flaneur", c'est moi
Ein ganzes Jahr lang gibt es dieses Blog nun schon.
Als wäre es gestern gewesen. Es ist Januar. Ich stehe in der frostigen Eidelstedter Feldmark vor dem Beton-Lindwurm der Autobahn A7, die hoch in den Norden führt, vorbei an Möbel Höffner und ein paar verlorenen Bauernhöfen vor den Toren der Stadt. Aus meinem kleinen Hermès-Flachmann rinnt Red Bull-Wodka in meine ausgetrocknete Kehle. Mein Telefon klingelt. Maus, mein Alter Ego. Der unverwüstliche Haudegen der deutschen Medienlandschaft, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Maus, die unkomplizierte Gründermentalität auf zwei krummen Beinen. Maus, der geniale Drecksack, der Aufschneider, der Hochstapler, der Spinner. Mein guter, alter Maus!
Ich gehe ran. Kein Hallo. Kein "Wie geht's?" Nur: "Stephan, es kann endlich losgehen!" Es passiert. Jetzt. Wirklich. Nachdem Maus und ich seit Monaten immer wieder über den "Flaneur" geredet, debattiert und nachgedacht haben. Jetzt wird unsere Idee also real. Wir umarmen uns telephonisch. Klick. Dann kippe ich den letzten Schluck Red Bull-Wodka runter. Mache ein Foto von diesem Moment. Setze mich in den gefrorenen Dreck der Eidelstedter Feldmark. Und stehe für die nächsten Stunden nicht mehr auf.
Jede Minute. Jede Sekunde
So fing das alles an. 365 Tage. Und ob Ihr es glaubt oder nicht: Ich erinnere mich an jeden dieser 365 Tage. An jede Minute. Jede Sekunde.
Nur ein fucking Beispiel: Ende Januar meine erste Jobmesse. Was für eine Erfahrung! In dieser avantgardistischen Schuhschachtel am Elbufer spüre ich plötzlich: Alles ist möglich! Ich bin gar nicht auf all die miesen kleinen Jobs angewiesen, mit denen ich mich Tag für Tag rumschlagen muss. Ich könnte einfach U-Bahnfahrer werden! Morgens Tür zu, fertig. Im Einzelbüro durch die Hansestadt. Bei schlechter Laune einfach ein paar Passagiere zusammenscheißen: "Da hinten, der alberne Start-Up-Fuzzi: Bevor Du nicht aus der Tür gehst, läuft hier erst mal gar nichts!" Selten habe ich mich so frei gefühlt wie an diesem Tag, als ich vor den freundlichen Recruitern der Hamburger Hochbahn stand.
Hier noch mal zur Erinnerung:

Karteileichen im Netzwerk
Die letzten 365 Tage waren voller Herausforderungen. Wie immer habe ich versucht, sie alle mit Demut anzunehmen. An manchen durfte ich wachsen, an manchen verzweifeln. Aber Maus hat mir immer geholfen. War immer für mich da. Nicht wie all die anderen Karteileichen in meinem so genannten "Netzwerk". So viel Verrat. So viel Scheiße. Dann starb Franz Josef Wagner.
Was bleibt, ist "Der Flaneur". Wachsende Reichweite, wachsende Abos, wachsende Verweildauer, wachsende Scrolltiefe, wachsende Klickrate. Neulich habe ich Bürgermeister Tschentscher bei Budni getroffen, und er hat mich wissend und ein bisschen eingeschüchtert angeschaut. Ja genau, Peter, ich bin's, der Flaneur, ganz richtig!
Bei all diesen Höhenflügen ist mir 2025 allerdings auch klar geworden, dass ein Jahr so viel mehr ist als Erfolge, die in eine Excel-Tabelle passen. Ein Jahr, das sind vor allem Begegnungen, gemeinsames Lachen und gemeinsames Weinen.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich meinen Chauffeur Lukas feuern musste. Es war traurig. Aber es ging einfach nicht mehr. Und er hat es verstanden. Wir haben uns umarmt. Er hat mich mit seinen treuseligen Augen angeguckt. Und ich habe begriffen, dass gegenseitiger Respekt und Selbstachtung so viel wertvoller ist als ein regelmäßiges Monatseinkommen. Sehr wichtiges Learning.
Der Flaneur sagt: "Tschüs, Lukas!"
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Reichweite, Reichweite, Reichweite!
Ihr merkt schon: Seit über 20 Jahren im Medienbusiness kann ich inzwischen ohne große Mühen schreiben wie irgend ein Opfer der digitalen Transformation, dem das tagtägliche Stieren auf die Tabellen mit Reichweite, Abo-Zahlen, Verweildauer, Scrolltiefe und Klickrate den Algorithmus durcheinandergebracht hat.
Deswegen fällt es mir auch nicht schwer, die kreative Pause, die dieses Blog hier eingelegt hat (Habt Ihr gemerkt, oder?), in eine frohe Botschaft für Euch umzumünzen: Ich habe die wohl verdiente Auszeit dafür genutzt, die Marke "Der Flaneur" strategisch vollkommen neu auszurichten.
In Hamburg weht zwar gern ein kosmopolitisches Lüftchen, doch manchmal zieht es mich einfach weiter in die Welt hinaus - auch thematisch. Deswegen wird es hier in Zukunft nicht nur um die Hansestadt gehen, sondern auch um den erweiterten Speckgürtel von Utopia, die Gewerbegebiete von Gomorrha und die Fußgängerzonen von Zamonien. Natürlich wird Hamburg öfter als Gomorrha und all die anderen Orte vorkommen. Schließlich wohne ich hier. Aber insgesamt - das hat 25-köpfige Chefredaktion einstimmig beschlossen - soll unser Flanier-Outlet offener im Scope werden, breiter in der Aufstellung. Danke an meine Investor:Innen, dass sie mir diesen Rebrush mit einer großzügigen achten Finanzierungsrunde ermöglichen.
"Okay, aber was ist die Klammer, die das Ganze hier zusammenhält", werdet Ihr fragen. Was ist der verdammte Markenkern? Der USP? Des Pudels Kern? Nun, Ihr ahnt es schon: Ich. Und Maus. Der unverwüstliche Haudegen, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Maus, die Gründermentalität auf zwei Beinen. Maus, der geniale Drecksack, der Aufschneider, der Hochstapler, der Spinner. Mein guter, alter Maus.
Das muss genügen.
Blutiger Boden
Was also ist passiert in den vergangen Wochen? Klar, Hamburg. Liegt ja auch direkt vor der Tür. Und Bahntickets werden auch immer teurer. Also war ich in der wirklich empfehlenswerten Foto-Ausstellung "Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU" von Regina Schmeken im Altonaer Museum. Mit klarem Konzept und einer sauber definierten Ästhetik hat Schmeken eine Bilderserie geschaffen, die in Zeiten inflationärer Bilderflut noch einmal eindrucksvoll zeigt, was gute Fotografie leisten kann. Dies ist meine Ausstellungsbesprechung:

Bratwurst im Gestapo-Hof
In der Vorweihnachtszeit war ich dann auf Geschenkesuche in der Innenstadt. Eigentlich ein Teil von Hamburg, den ich sonst meide wie die Pest. Ich war öfter in meinem Leben auf dem Vogelhüttendeich in Wilhelmsburg als auf dem Neuen Wall in der Innenstadt. Das mag meine Überraschung über die düstere Geschichte des Hamburger Stadtpalais' erklären. Ich schildere sie hier:

Zwangsbeatmung
Flanieren, das klingt immer auch ein bisschen nach Zwangsbeamtung mit Frischluft: "Warst du heute eigentlich schon mal draußen? Musst du eigentlich immer in deinem Zimmer hocken und zocken?" Aber manchmal bleibe ich auch einfach gern zuhause auf dem Sofa sitzen (Das nach zwei Jahren Corona-Homeoffice inzwischen vollkommen durchgelegen ist und jetzt sogar einen Riss hat! Vielleicht sollte ich mal ein Patreon-Konto für ein neues Sofa eröffnen).
Am Zweiten Weihnachtstag habe ich mich allerdings mal kurz vom Sofa erhoben, aus dem Fenster geschaut und überrascht festgestellt, dass jemand über Nacht einfach seinen alten Herd neben den Altpapiercontainer vor unserem Haus entsorgt hat. Das ist zwar sehr rücksichtslos, hat mir aber erlaubt, eine vollkommen neue Theorie in der Stadtsoziologie aufzustellen. Ihr findet sie hier:

Ex-Terroristin in Hipster-Hose
Früher dachte ich immer, der schönste Ort Hamburgs sei der Hauptbahnhof. Weil man von dort aus schnell nach Berlin kommt. Heute habe ich mich mit der Stadt angefreundet. Trotzdem durchflutet mich immer ein Kribbeln, wenn ich im Zug sitze und über die Elbbrücken fahre. Ich mache dann eigentlich immer ein Foto. Hier müsste ich nun eigentlich ein Bild einklinken, aber in meinen Foto-Ordnern herrscht grad Chaos, sorry.
Ein besonders schöner Anlass, neulich mal wieder nach Berlin zu fahren, war der Geburtstag einer guten Freundin. Sie hatte wunderbaren Wein da. Es war eigentlich der beste Wein, den ich je getrunken habe. Aber es macht natürlich keinen Sinn, ihn jetzt nachzukaufen, denn bei Wein kommt's ja nie auf die Flasche an, sondern immer auf den Moment. (Bucht noch heute mein önologisches Schnupperseminar mit sonnenbeschienenen Kalenderweisheiten von mineralischen Schieferböden!)
Wir sind also ziemlich über die Stränge geschlagen. Am anderen Tag brauchten wir dringend Frischluft. Wir sind dann durch Schöneberg spaziert, wo wir zufällig der ehemaligen RAF-Terrroristin Astrid Proll begegnet sind, die unsere Freundin ziemlich gut kennt. Proll ist inzwischen 78 Jahre alt und in Top-Form. Sie tritt etwas herrisch auf, aber das ist bei ihrer Vergangenheit nicht weiter überraschend. Man muss erst mit drei, vier ketzerischen Späßen ihre Aufmerksamkeit gewinnen, dann kann man es ziemlich nett mit ihr haben. Es war etwas surreal, mit Restalkohol auf einem luftigen Bürgersteig in Schöneberg zu stehen und mit einer ehemaligen Terroristin in Hipster-Jogginghose über Stammheim, alle Knäste der Republik, ihre Zeit in einer britischen KFZ-Werkstatt und die Verhaftung von Daniela Klette zu plaudern. Sie hat uns gesagt, im Frühjahr käme ihre Autobiographie. Ich bin gespannt. (Nachricht an Ego-Googler Ulf Poschardt: Nein, Proll hat auf dem Schöneberger Trottoir ihrer Vergangenheit immer noch nicht abgeschworen).
Grab-Rezension
An jenem wunderbaren Kater-Tag waren wir auch auf dem schönen "Alten St.-Matthäus-Kirchhof" und haben uns schon mal nach einem ruhigen Plätzchen für die Ewigkeit umgeschaut. Dabei habe ich die letzte Ruhestätte der Brüder Grimm entdeckt. Hier ist meine Grab-Rezension (was meint Ihr: neue Newsletter-Rubrik?):

Kraft der Lyrik
Gegen Jahresende bekomme ich immer Sehnsucht nach Lyrik. Wahrscheinlich liegt es daran, dass man übers Jahr hinweg so viel hingeschluderten Lohnschreiber-Slop gelesen hat, dass man Appetit auf wirklich gepflegte Sprache bekommt. Ich weiß allerdings nicht, ob ich die richtige Strategie gewählt habe, diese Sehnsucht zu stillen.
Na ja, hier jedenfalls zwei Gedichtinterpretationen. In der nachfolgenden analysiere ich ein Werk des Rappers Haftbefehl, dessen Nase gerade in aller Munde ist:

Und in dieser hier ein Gedicht von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer:

Witz des Jahres
Dass ausgerechnet Wolfram Weimer Kulturminister wurde, ist wirklich eine besonders komische Pirouette des Weltgeistes. Denn bevor Weimer mit seinem Kulturbeutel das Kanzleramt eroberte, bestand sein Geschäftsmodell darin, Medienmarken mit gutem Namen aber schwierigen Bilanzen günstig einzukaufen, um sie zu einem Lobbyisten-Netzwerk zusammenzuschliessen, in dem Kultur nichts als ein Gleit-Gel für fragwürdige, aber lukrative Beziehungen ist.
Mehr dazu in diesem gut recherchierten Artikel von Jörg Häntzschel in der "Süddeutschen Zeitung":

Musik-Tipp
Ende Dezember fand im Hamburger Congress Centrum der 37. Kongress des wunderbaren Chaos Computer Clubs statt. Ich dachte, da gehe ich mal vorbei und schaue mir das an. Leider gab's vor Ort keine Tickets. Also bin ich da ein Stündchen einfach so herumgestreunt. Es war bitter kalt. Im Foyer hingen improvisierte Pinguin-Schilder, die vor Glatteis warnten. Nett, diese Hacker. Vor dem Gebäude saß auf einer Bank der viel zu kalt gekleidete Musiker Waldemar Frost ohne jede Angst vor Wortspielen oder niedrigen Temperaturen und zauberte wunderbare elektronische Musik aus allerlei Gerätschaften.
Hier ist seine Soundcloud-Seite:

Schluss & Gruß
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Ich hoffe sehr, dass Ihr diesem Newsletter auch nach der strategischen Neuausrichtung des "Flaneurs" treu bleibt und dass wir uns schon bald wiedersehen oder -lesen. Hier auf dieser Seite oder irgendwo da draußen.
Ich wünsche Euch einen guten Jahresbeginn!
Herzliche Grüße
Stephan
PS: Ich plane übrigens auch in diesem Jahr keinerlei Investitionen in KI. Denn ich bin mir sicher, dass nur 100% KI-freie Texte die Zukunft des Schreibens sichern. Wer das Gegenteil behauptet, lügt.

