Amerikaner in Grönland
Donald Trump hat für Grönlands Menschen und ihre Kultur nichts als Verachtung übrig. Für ihn ist klar: "It's hard to call it land – it's a piece of ice."
2019 durfte ich dieses vermeintliche "Piece of Ice", seine herzlichen Bewohner:Innen und deren reiche Kultur etwas näher kennen lernen. Für eine Reportage reiste ich auf die kleine Insel Uummannaq vor Grönlands Westküste. Das Eiland wird überragt von einem wuchtigen, markant gemaserten Berg, dem die Einwohner:Innen einen treffenden Namen gaben: der "Robbenherzförmige" (Grönländisch: "Uummannaq").
Ich besuchte damals die wunderbare Ann Andreasen, die dort das nördlichste Kinderheim der Welt leitet. In diesem Wohnprojekt können Kinder mit schwierigem familiären Hintergrund durch den Kontakt zu grönländischer Tradition und Natur wieder zu sich selbst finden. Ann hatte mich zum Jubiläum ihres Herzensprojekts eingeladen.
Bei den Feierlichkeiten in der Stadthalle von Uummannaq trat eine beeindruckende Musikerin auf und zelebrierte ein Ritual, in dem viele grönländische Traditionen miteinander verschmolzen. Tags drauf traf ich sie wieder, und sie erzählte mir ihre traurige Lebensgeschichte. Sie erinnert daran, was passierte, als die Amerikaner ihre erste Militärbasis in Grönland errichteten, die "Thule Air Base" (heute: "Pituffik Space Base").
Robbenfett, Hasendung und Reisig
Gaz Zaa Lung steht in strahlend weißer Bärenfell-Hose auf der Bühne. Sie stammt aus dem hohen Norden Grönlands, aus der mythischen Thule-Region, wo man noch heute Eisbären vom Hundeschlitten aus jagt. Sie eröffnet die Jubiläums-Feierlichkeiten, indem sie eine Öllampe entzündet. Als Brennstoff dienen ausgelassenes Robbenfett, Hasendung und ein wenig Reisig. Mehr steht in der arktischen Tundra nicht zur Verfügung.
Tags drauf sitzt Gaz Zaa Lung im Wohnzimmer des nördlichsten Kinderheims der Welt und bietet mir krossen Robbenspeck an. Den hat sie in der Pfanne ausgelassen, um neues Lampenöl zu gewinnen. Dann erzählt sie die Geschichte ihres Lebens. „Ich bin der letzte Inuit, der in jener Jägersiedlung geboren wurde, wo heute die amerikanische Militärbasis Thule ist. Kurz nach meiner Geburt im Jahr 1953 wurden wir alle von der Regierung gegen unseren Willen umgesiedelt.“
Der Friedhof wurde militärisches Sperrgebiet
In Grönland ist die Geschichte von Thule das bekannteste Beispiel für den rücksichtlosen Umgang mit der naturverbundenen Urbevölkerung. Im Kalten Krieg errichteten die USA einen großen Militärstützpunkt in einer traditionellen Inughuit-Siedlung im Nordwesten des riesigen Landes, die ebenfalls Uummannaq hieß. Die ursprüngliche Bevölkerung musste weichen. Es war die dänische Regierung, die Uummannaq räumte. Die Bewohner wurden gezwungen, ihre vertrauten Gebiete aufzugeben, wo sie bislang von der Jagd auf Robben, Walrosse und Narwale gelebt hatten.
Etwa 140 Menschen mussten ihr traditionelles Siedlungsgebiet und ihre heiligen Orte verlassen und wurden ohne Mitspracherecht 100 Kilometer nördlich in dem Dorf Qaanaaq angesiedelt. Ihr eigenes Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht. So wurden sie heimatlos. Sogar ihr Friedhof wurde militärisches Sperrgebiet – ein tiefer Verlust für eine Gesellschaft, die ihre Ahnen verehrt. Erst 1999 erkannte ein dänisches Gericht das Unrecht an. 2003 wurde das Unrecht formell als Zwangsumsiedlung benannt, und die Entwurzelten erhielten eine Entschädigung. Die Zerstörung von Uummannaq im hohen Norden gilt heute als eines der gravierendsten Beispiele kolonialen Unrechts in Grönland.
Gaz Zaa Lung erinnert sich: „Wir mussten in eine fremde Jägersiedlung ziehen. Viele der Menschen, die dort vorher gelebt hatten, verließen den Ort bald. Weil es nicht mehr genug Tiere für alle gab.“ Ihr Vater versuchte dennoch, weiterhin als Jäger zu überleben. Denn nichts liebte er mehr.
Gefrorene Robbenleber und frischer Speck
„Am liebsten jagte er auf ganz frischem Eis“, erinnert sich Gaz Zaa Lung. „Unter seinen Schuhen trug er Felle. So konnte er lautlos übers Eis schleichen. Seine Schlitten-Hunde waren sehr gut erzogen. Ganz still warteten sie in der Ferne, während er übers Eis pirschte und auf das Atmen der Robben horchte. Wenn er eines ihrer Atemlöcher gefunden hatte, setzte er sich daneben auf einen kleinen Stuhl. Den hatte er immer dabei. Tauchte eine Robbe auf, harpunierte er sie. Anschließend häutetet er sie, nahm sie aus und zerlegte sie. Das musste sehr schnell gehen, noch bevor das Fleisch gefror. Wenn er zurückkam, hatte er die Häute zu einem Paket zusammengelegt und sorgfältig mit den gesäuberten Gedärmen verschnürt. Obenauf lag die frische Leber. Wir aßen die gefrorene rohe Leber zusammen mit Robbenspeck.“
Doch ihr Vater war nun viel länger mit dem Hundeschlitten auf dem Eis unterwegs, um seine Beute zu finden. Manchmal wartete sie tagelang auf ihn. Walrosse konnte er gar nicht mehr jagen. Deren Gebiete waren zu weit entfernt. Von ihrem ersten Zuhause, das durch die Amerikaner zerstört worden war, waren sie nur einen Tag Hundeschlittenfahrt entfernt gewesen. Seit ihrer Umsiedlung konnte er seinen Unterhalt nicht mehr als Fischer verdienen, sondern nur noch mit dem Verkauf von Robbenfellen an die staatliche dänische Handelsgesellschaft.
1968 musste er auch damit aufhören. Die Preise waren verfallen. Ihr Vater nahm einen Job in Quaanaak an. Er sollte immer davon träumen, zurück in die Natur zu ziehen und als Jäger zu leben. Aber seit die Amerikaner ihre Militärbasis gebaut hatten, war das Leben der Familie für immer aus dem Gleichgewicht geraten.
"Ich vermisse dieses Leben in unserer Natur. Ich vermisse es so sehr", sagt Gaz Zaa Lung und weint.