800 Elefanten: Die neue Sternbrücke wird durch Hamburg gefahren
Die neue Sternbrücke ist ja recht umstritten. Aber prinzipiell, da werden wir uns hier sicher alle schnell einig, ist gegen Brücken an sich erst einmal nichts einzuwenden. Sie wurden dazu erfunden, Menschen zusammenzubringen. Und das ist ja erst einmal eine gute Sache. Gerade in Zeiten wie diesen.
Volksfeststimmung beim Ausparken
Die neue Sternbrücke für Hamburg Altona wird ihrer ursprünglichen Funktion im Augenblick ganz gut gerecht. Nachdem sie auf eine Brachfläche mitten im Schanzenviertel zusammengeschweisst wurde, soll sie nun an ihren Bestimmungsort transportiert werden. Und schon beim Ausparken auf die Max-Brauer-Allee am Mittwoch kam ganz gut Volksfeststimmung auf.
Menschen saßen auf schnell hervorgeholten Bierbänken und fachsimpelten: "Die Wägelchen, die das Monster transportieren, das ist der so genannte Tausendfüßĺer. Der verteilt das Gewicht auf viele kleine Räder. Vielleicht bricht dann hier doch nicht alles zusammen. Musst du dir vorstellen, der Stahlkoloss wiegt 4000 Tonnen. Das sind ungefähr 700 Elefanten. Also afrikanische Buschelefanten. Wenn du die Brücke in asiatische Elefanten umrechnest, dann sind es sogar 800. Stell dir vor: 800 Elefanten, die durch die Schanze marschieren. Schon ganz geil. Bierchen?"
Die Bahn hat zur Besänftigung der lärm- und staubgebeutelten Anwohner unter der Brücke Hunderte von Lämpchen angebracht, und als die Dämmerung hereinbrach, blinkte die Brücke wie ein Raumschiff kurz vorm Abheben, und die Schanze applaudierte.
Diese begrüßenswerte Sommerfestivalstimmung fand am Donnerstag Morgen eine gelungene Fortsetzung. An diesem Tag sollte das Monstrum vom Schulterblatt nun endlich zu seinem Bestimmungsort in der Stresemannstraße fahren. Die unvermeidlichen Baustellen-Rentner fachsimpelten freundlich miteinander. Ein Althippie mit Dreadlocks machte Power-Tai-Chi, wahrscheinlich, um der Brücke gute Energie mit auf ihre gefährliche Reise mitzugeben.
Die Tochter von Karl-Heinz Stockhausen war aus dem fernen Eppendorf angereist und gab nun als Expertin für Avantgarden aller Art ihr fachkundiges Urteil ab: "Leider sind diese roten Streben da oben nur provisorisch. Die kommen nachher ab. Schade eigentlich. Sehen ja ganz gut aus. Insgesamt mache ich mir aber keine großen Sorgen um die Ästhetik: Die Brücke wird schnell eingesprüht und sieht dann aus wie alles hier. Früher habe ich hier auch mal gewohnt. Da war in der 'Roten Flora' noch das Warenhaus '1000 Töpfe'. Da bekamst du alles. Oh, guck mal: Bei dem Typ mit der Steuereinheit fliegt ein Schmetterling!"
Brücken-Liebhaber aus allen Himmelsrichtungen scheinen sich einig: Das Ungetüm hat was. Wobei man sich beim Anblick dieser neuen Brücke oder des Elbtowers drüben beim Entenwerder natürlich schon fragen könnte, warum Hamburg immer wieder auf architektonische Icon Pieces setzt, die aussehen, als hätte Ulf Poschardt sie zusammen mit Elon Musk im Ketaminrausch entworfen.
Trotzdem: Urteilt man nach der Stimmung vor Ort, scheint die neue Sternbrücke an sich ganz okay. Vielleicht sollte man sie ab jetzt einfach immer durch die Stadt manövrieren. Heute Altona, morgen Harvestehude, übermorgen Eppendorf. Das macht gute Laune, schafft kreatives Chaos und bringt die Menschen zusammen.

Und wenn der Tausendfüßler irgendwann mal müde wird und die Brücke doch irgendwo fest installiert werden muss, dann vielleicht doch lieber in Berlin. Wäre es nicht zum Beispiel viel schöner, wenn sie die Berliner "taz"-Zentrale mit dem U-Bahnhof Spittelmarkt verbinden würde? Dafür müsste man dann leider nur die Springer-Zentrale sprengen. Schade eigentlich.