Der Flaneur - Newsletter #6 - 02/2026

Der Flaneur - Newsletter #6 - 02/2026
Sündenfall, wie ihn sich die Bibel vorstellt (Hamburg, Schanzenviertel)

Liebe Freund:Innen der Mentalventilation!

Willkommen zum sechsten Newsletter meines Blogs "Der Flaneur".

Jeffrey Epstein: Das Versagen der Intellektuellen

Ihr wisst ja, was das alles hier für mich bedeutet: Hinsetzen, Gedanken treiben lassen, Löcher in Luft & Internet starren. Und plötzlich stößt man auf was, blättert und wühlt und steigert sich in was rein.

Mein aktuelles Forschungsgebiet wird freundlicherweise vom amerikanischen Justizministerium bereitgestellt. Es sind die Epstein-Files, eine Sammlung von etwa drei Millionen Aktenseiten, Videos und Fotografien aus dem amerikanischen Ermittlungsverfahren gegen den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.

Diese Dokumente bergen unschätzbares Rohmaterial zur Gegenwartsanalyse. Millionen Schriftstücke, versehen mit leistungsstarker Volltextsuche. Kann man sich sogar runterladen und eine eigene KI drauf trainieren. Oder einfach mal Namen eingeben und stöbern. Und schon trifft man viele alte Bekannte. Kann man alle mal genauer untersuchen.

Die Epstein-Files sind nicht nur das Zeugnis einer moralisch vollkommen zerrütteten Wirtschafts- & und Polit-Elite. Sie sind auch ein erschreckendes Lehrstück über das moralische Versagen von führenden Intellektuellen unserer Zeit.

Viele haben inzwischen sicher das Foto des Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky gesehen, das ihn zusammen mit Epstein zeigt.

Linguist Noam Chomsky zusammen mit Jeffrey Epstein in dessen Privatjet (Credit: Epstein's Estate, House Democrats)

Chomsky, eine Ikone der amerikanischen Linken, ein Meister der Sprachanalyse, Experte in den komplexen Grammatiken von Sprache und Macht gleichermaßen, fliegt zusammen mit einem Oligarchen des globalen Finanzkapitalismus und verurteilten Sexualverbrecher in dessen Privatjet: Bei dem Anblick konnte man durchaus das Gefühl bekommen, nun sei Amerika endgültig verloren.

Bias Number One

Ein weniger bekanntes Beispiel für das moralische Versagen von Intellektuellen ist der 2024 verstorbene amerikanische Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman.

Ich habe 2021 ein Interview mit ihm geführt. Damals war er 87 Jahre alt und ein überaus freundlicher Gesprächspartner. Bis man es wagte, ihm zu widersprechen. Dies ist unser Interview (paid):

Daniel Kahneman im Interview: Das Rauschen
Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat gezeigt, wie irrational unsere Entscheidungen sind. In seinem neuen Buch “Noise” untersucht er mit seinen Co-Autoren, wie der Zufall unsere Urteile bestimmt

Kahnemans Intellekt war von beeindruckender Schärfe. 2002 erhielt er als erster Psychologe überhaupt den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. In seinem Klassiker "Schnelles Denken, langsames Denken" aus dem Jahre 2011 beschreibt er, wie psychologische Verzerrungen (er nennt sie "biases") all unsere Entscheidungen beeinflussen. Er konzentrierte sich vor allem auf die getrübte Urteilskraft im Wirtschaftsleben. Damit begrub er die Vorstellung des rein rational handelnden "Homo Oeconomicus."

In seinem Standardwerk listet er fein säuberlich all die psychologischen Störfaktoren auf, die unsere Entscheidungen irrational machen. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass er mit seiner Haltung zu Jeffrey Epstein den besten Beweis für seine Theorie lieferte: Nichts ist bedrohter als die Vernunft. Was Kahneman allerdings übersah: Der mächtigste Bias von allen ist und bleibt die unheilige Dreifaltigkeit von Geld, Macht & Sex.

Jom-Kippur-Dinner in der 77-Millionen-Villa

Kahnemann gehörte zu dem elitären Netzwerk, das Epstein dazu nutzte, sich den Habitus eines Intellektuellen zu geben. Seine Alibi-Funktion für den Sexualverbrecher hat ihn offensichtlich nie gestört. Die beiden waren so verbunden, dass Kahneman mehrfach bei Epstein zuhause eingeladen war. So war er zum Beispiel zusammen mit seiner Frau, der Psychologin Anne Treisman, zu einem illustren Jom-Kippur-Dinner am 18.09.2010 in Epsteins luxuriösem New Yorker Stadthaus geladen (Wert der Immobilie: 77 Millionen Dollar).

Dokument aus den Epstein-Files

Auch der damalige US-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", Andrian Kreye, wurde an jenem Abend in der Luxusvilla erwartet. Wie das obige Dokument aus den Epstein-Files zeigt, stand Kreye auf der Gästeliste als Begleitung des legendären Literaturagenten John Brockman. Dieser New Yorker Power-Broker vertritt mit seiner Agentur einen Kreis hochkarätiger Intellektueller und betreibt auch die "Edge Foundation", ein Think-Dingsbums, das vollmundig vorgibt, an einer Verschmelzung von Geistes- und Naturwissenschaft zu einer so genannten "Dritten Kultur" zu arbeiten, die im Dienste der digitalen Zukunft stehe soll. So ungefähr.

Vor allem geht es bei Brockmans Geschäften aber um Anhäufung von intellektuellem Reputationskapital, das man dann beim nächstmöglichen Dinner im Luxusrestaurant in echtes Kapital ummünzen kann. Im Lichte des vollkommen durchdrehenden Internets im Klammergriff von libertären und rechtspopulistischen Oligarchen darf man all diese hochtrabenden Digitalphilosophierereien inzwischen allerdings getrost als hoffnungslos überholten Silicon-Valley-Propaganda-Quatsch betrachten. Das Einzige, was man sich merken muss, ist, dass KI und Internet so kaputt wie Epstein sind.

Trotzdem ist der Wissenschaftsimpresario Brockman sehr einflussreich. Und war für Epstein überaus nützlich. Denn er vermittelte dem Sexualverbrecher jahrelang Kontakte zu führenden Intellektuellen aus aller Welt. Auch für ihn selbst sollte sich das lohnen: Epstein unterstützte Brockmans "Edge Foundation" mit insgesamt 638.000 Dollar. Der Autor Evgeny Morozov, der ebenfalls lange durch den Agenten Brockman vertreten wurde, brach mit diesem Zaren der amerikanischen Intelligentsia und nannte ihn schließlich einfach nur Epsteins "PR-Mann". Sein lesenswertes Portrait seines Ex-Impresarios findet Ihr hier:

Jeffrey Epstein’s Intellectual Enabler
How did Epstein meet so many luminaries in the worlds of science and technology? It all might trace back to literary agent John Brockman.

Brockman war es auch, der den Kontakt zwischen Epstein und dem Nobelpreisträger Kahneman herstellte. Während Epstein seinen Freunden und Geschäftspartnern minderjährige Frauen vermittelte, vermittelte Brockman ihm Intellektuelle, mit denen er seinen kaputten Ruf aufpolieren konnte. Man traf sich auf Konferenzen, speiste zusammen in Luxusrestaurants zwischen Los Angeles und New York, und wer anschließend zurück in dieselbe Richtung wie Epstein musste, durfte mit ihm im Privatjet fliegen, kein Problem. Über Frauen wurde natürlich niemals gesprochen. Immer nur über KI, Quantenphysik und die allerletzten Neuigkeiten aus der geheimnisvollen Welt der Primzahlen. Denn Epstein war ja schließlich vor allem ein sehr begabter Mathematiker.

Die wirklich nützlichen Intellektuellen durften zu Epstein nach Hause

Die wirklich nützlichen Intellektuellen wurden zu Epstein nach Hause geladen. Im Jahre 2019 beschrieb der ehemalige US-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" Kreye dann die Atmosphäre eines solchen Abends, der das eben schon erwähnte Jom-Kippur-Dinner gewesen sein muss, zu dem auch Kahneman geladen war. Kreye schreibt:

"Für die Wissenschaftler war er ein Gönner aus einer Welt, die sie nur aus Geschichten kannten. Man wusste, dass er eines seiner Flugzeuge an Bill Clinton auslieh, der damit nach Afrika flog, um Gutes zu tun. Nicht irgendein Privatjet, sondern eine Boeing 727, damals noch ohne den Spitznamen "Lolita Express". Man wusste, dass Epstein mit Donald Trump befreundet war, einem Baulöwen, der im Fernsehen eine Serie hatte, in der er den kapitalistischen Pöbler gab. Man wusste, dass Epstein als ehemaliger Mathematiklehrer eine Leidenschaft für die Wissenschaften hatte, für Mathe, Biologie, Genetik. Millionen soll er gestiftet, ganze Institute finanziert haben."

Hier findet Ihr den vollständigen SZ-Artikel (paid):

Jeffrey Epstein: American Psycho
Ein Abend in New York vor zehn Jahren, Jeffrey Epstein hat geladen. Über einen Verbrecher, seinen Tod, Donald Trump und die USA.

Im Folgenden stellt der Text dann die alles entscheidende Frage: "Hätten die Wissenschaftler ahnen können, dass Jeffrey Epstein in seinen Villen und Anwesen minderjährige Mädchen zu bezahltem Sex drängte?"

Der fragwürdigste Deal der Justizgeschichte

Kreye und Co-Autor Christian Zaschke sind dann recht nachsichtig mit den Wissenschaftlern. Andere Seltsamkeiten in der Epstein-Berichterstattung der SZ werden in diesem "Übermedien"-Artikel von Boris Rosenkranz diskutiert:

Was die “Süddeutsche Zeitung” zum Fall Epstein nicht schreibt | Übermedien
Die “Süddeutsche Zeitung” berichtet groß über den Fall Epstein: Der US-Milliardär soll über Jahrzehnte Mädchen missbraucht haben. Den Namen des einflussreichen Literaturagenten John Brockman erwähnt die SZ dabei aber nicht. Obwohl er eine bedeutende Rolle gespielt haben soll. Weshalb ist das so? Weil die SZ mit Brockman seit Jahren zusammenarbeitet? Und ihr Feuilleton-Chef eng mit ihm verbunden ist?

Wie dem auch sei: Die Antwort auf Kreyes und Zaschkes Frage jedenfalls ist eindeutig: Seit dem Jahre 2008 hätte jeder dieser Wissenschaftler wissen können, daß Jeffrey Epstein ein Sexualverbrecher war. Denn in eben diesem Jahr wurde der Milliardär genau deswegen verurteilt. Nachdem er sich vor einem Staatsgericht in Florida schuldig bekannt hatte, trat er eine 18-monatige Haftstrafe an. Die Strafe war von skandalöser Milde, weil der legendäre Staranwalt Ken Starr einen Deal für ihn ausgehandelt hatte, der seitdem als der fragwürdigste der US-Justizgeschichte gilt. Obwohl Polizei und FBI damals schon über 50 Mädchen (einige erst 14 Jahre alt) namentlich als Epstein-Opfer in den Akten führten, wurde der Milliardär nur wegen eines einzigen Falles verurteilt.

Dieses schockierend sanfte Urteil brachte Epstein zum ersten Mal in die internationale Presse. So findet sich noch heute ein Artikel im Guardian vom 01.07.2008 mit dem Titel „Milliardär Epstein wegen Anwerbung von Minderjährigen für sexuelle Handlungen in Haft“. Allein der erste Absatz sollte reichen, den Ruf eines Mannes für immer zu vernichten: „Ein mysteriöser Wall-Street-Finanzier, der gemeinsam mit Prinz Andrew Urlaub machte und Bill Clinton seinen Privatjet lieh, hat eine 18-monatige Haftstrafe angetreten, nachdem er sich schuldig bekannt hatte, sexuelle Handlungen von Mädchen im Alter von nur 14 Jahren eingefordert zu haben.“

Hier der ganze Artikel:

Billionaire Epstein jailed for soliciting sex with minors
Jeffrey Epstein, 55, faces a year of house arrest after he is released from prison in Florida

Wer also im Jahre 2010 zu einem der reichsten Männer New Yorks in eines der teuersten Anwesen der Stadt eingeladen wurde und vorher noch mal eben googelte, wo er da eigentlich abends hin ging, stieß auf diesen und ähnliche Artikel.

Und wer vor dem Besuch schon nicht googelte, hätte spätestens danach anfangen müssen, sich zu wundern. Denn allein die exzentrische Inneneinrichtung von Epsteins Millionen-Villa warf Fragen zur psychischen Verfasstheit ihres Besitzers auf. In einem Zimmer ruhte ein ausgestopfter Tiger. Und im Treppenhaus schwebte die Statue einer Schwarzen Frau im Brautkleid, die sich an einem dicken Tau von der Decke abzuseilen schien. Oder ergriff sie vor der Brautnacht noch schnell die Flucht nach oben?

Statue im Foyer von Epsteins New Yorker Townhouse (Credit: Epstein's Estate, House Democrats)

Eins ist klar: All die großen Elitegeister, die sich nach dem Besuch in solch einem Palast des Irrsinns keinerlei Fragen stellten, wollten es nicht. Intellektuelle, die nach 2008 noch Kontakt mit Epstein hatten, waren bereit, ein Auge zuzudrücken. Und machten damit sein perfides System erst möglich, indem sie ihm sozialen und intellektuellen Glanz verliehen.

Prinz Andrew und der Sex-Dealer

Spätestens fünf Monate nach dem Jom-Kippur-Dinner war Epsteins Ruf dann vollends ruiniert: Am Sonntag, den 27. Februar 2011, gab Virginia Roberts (heute Giuffre) der britischen Boulevardzeitung "Mail on Sunday" ein Exklusiv-Interview, in dem sie erstmals öffentlich über ihre Erlebnisse mit Jeffrey Epstein und Prinz Andrew sprach. Zusammen mit dem Artikel erschien ein Foto, das Roberts als junge Frau zeigt, die gerade von Prinz Andrew umarmt wird. Im Hintergrund steht lächelnd Ghislaine Maxwell, Tochter des britischen Medienmagnaten Robert Maxwell, die heute eine 20-jährige Haftstrafe verbüßt, weil sie über ein Jahrzehnt lang als rechte Hand von Jeffrey Epstein fungierte und ein systematisches Netzwerk zum Missbrauch Minderjähriger betrieb.

Der "Guardian" erzählt die Geschichte des Fotos in diesem Artikel:

How a picture came to symbolize the Prince Andrew sexual abuse case
The image with ‘no innocent explanation’, showing Giuffre with the duke and Ghislaine Maxwell, was taken by Jeffrey Epstein

Damals stürzten sich internationale Medien sofort auf die unselige Verbindung zwischen Prinz Andrew und Epstein. Epstein hätte eigentlich für immer erledigt sein müssen. Doch den Agenten Brockman und sein elitäres Denker-Netzwerk störte das alles nicht. All diese preisgekrönten Intellektuellen sind moralisch ebenso fragwürdig wie die Techno-Elite, die Epstein ebenfalls nicht fallen lassen wollte. So schreibt der "Guardian" zu den jüngst veröffentlichten Dokumenten der Epstein-Files:

"The emails, part of a trove released by the Department of Justice on Friday, show that as late as 2018, Epstein was invited to or attended dinners alongside the likes of Elon Musk, Jeff Bezos, Google founders Larry Page and Sergey Brin, Twitter co-founder Evan Williams, Microsoft founder Bill Gates, and Google vice-president and later Yahoo CEO Marissa Mayer."

Vollständiger Artikel hier:

‘The smart, the rich, the powerful’: Epstein associated with Silicon Valley elite years after his release from prison
Billionaires and intellectuals attended events with the disgraced financier years after he served time for sex offense, files reveal

Und der amerikanische Autor Evgeny Morozov schrieb schon 2019:

"Der Epstein-Skandal zeigt ein neues, hässliches Gesamtbild der Technologie-Eliten; er entlarvt sie als einen Haufen moralisch bankrotter Opportunisten. Ihre Gedanken als gut gemeint, aber falsch zu beurteilen, ist zu großzügig; hier ist nichts echt, sondern alles aufgesetzt. Ja, Big Tech und seine Apologeten bringen die großen Gedanken hervor – meist jedoch leider nur als zufällige Nebenprodukte ihrer Jagd nach dem großen Geld."

Seine lesenswerte Vernichtung von Brockmans großspuriger "Dritter Kultur" findet Ihr hier:

Epstein und Big Tech: Was bleibt von der Dritten Kultur?
Auch hier war Jeffrey Epsteins Geld im Spiel: Ist die „dritte Kultur“, die großspurig inszenierte Verschmelzung von Geistes- und Naturwissenschaft im Dienst der digitalen Zukunft, korrumpiert und am Ende? Ein Gastbeitrag.

Genau wie die Digerati der vermeintlichen Techno-Elite bleibt auch Nobelpreisträger Kahneman dem Milliardär treu. Jahrelang steht er mit ihm in Kontakt, verabredet sich mit ihm zum Lunch und unterstützt ihn bei Deals. Als Epstein ihn 2011 um Rat für ein Geschäft von Bill Gates bittet, schlägt Kahneman ihm vor, doch einfach mal eine Consulting-Gruppe zu checken, für die er arbeite. Vielleicht wäre das ja eine gute Adresse für Bill Gates und sein Geld. Die Consulting-Gruppe heißt ironischerweise "The Greatest Good".

Dokument aus den Epstein-Files

Nun werden Einige sagen: Vielleicht konnten diese armen Wissenschaftler einfach gar nichts von Epsteins Machenschaften wissen. Vielleicht leben all diese Menschen ja in einem wolkigen Elfenbeinturm ohne Internetanschluss und tragen mächtige Ohrenschützer, die einfach keinen Klatsch und Tratsch zu ihnen durchdringen lassen. Denn als amtlicher Träger des Nobelpreises für internationale Klatschforschung mit einer Vollzeit-Tratsch-Professur in Harvard darf ich Euch hiermit versichern, dass sie in der Klatschhauptstadt New York eben solche Ohrenschützer gebraucht hätten, wenn sie dem Gerede über den zwielichtigen Epstein entgehen wollten.

Blinde Superforecaster

Tatsächlich spielen viele der prominenten Intellektuellen und Forscher nun die Unschuldigen. Nichts habe darauf hingewiesen, dass Epsteins Ruf ruiniert gewesen sei. Man hätte schließlich nicht wissen können, was für ein übler Typ er gewesen sei.

Dass dies schlicht nicht stimmt, zeigt ein Mailwechsel zwischen Epstein und dem Literaturagenten Brockman aus dem Jahre 2015. Letzterer lud Epstein damals zu einer seiner elitären Intellektuellen-Veranstaltungen ein. Im Rahmen einer so genannten Masterclass sollte der amerikanische Psychologe Philip Tetlock über seine Erkenntnisse zu so genannten "Superforecastern" sprechen. Laut Tetlock gibt es einige Menschen, denen erstaunlich gute Vorhersagen in allen Bereichen gelingen – bessere als allen Experten. Das ist natürlich der Traum eines jeden Investment-Bankers. Dass Epstein allerdings das Vertrauen in die gesamte amerikanische Intelligentsia erschüttern würde, sah seltsamerweise nicht einmal Superforecasting-Experte Tetlock kommen. Scheiternde Intellektuelle auf allen Ebenen.

In seiner Antwort auf Brockmans Einladung zu seinem Superforecasting-Event skizziert Epstein ein lästiges Problem. So schreibt er Brockman am 24.06.2015:

"last year, at the last minute the women said no epstein. . am i going to have the same issue again? no problem as you know. i am not sensitvie, but ..."

Dokument aus den Epstein-Files

Brockman versucht, den unemfindlichen Sexualverbrecher in einer Mail vom 27.06.2015 zu beruhigen. Darin steht:

"JE,
In terms of women, I don't see a problem with this list: Jennifer Jacquet, Katinka, Anne Treisman (Kahneman's wife) - no problem. Margaret Levi a savvy political scientist and a savvy lady, replaced Kosslyn at Stanford. Finally, Barbara Mellars, Tetlock's wife. I don't see a problem but I can check with two phone calls.

None of the guys who have accepted should have a problem. Fyi, Kahneman is ok. I should check with Tetlock. If anything, the only people might be the corporate guys I've yet to hear from. I could see the founders of the big companies unhappy if they got the Prince Andrew treatment by the press in terms of photos and reportage.

The only reporters are Markoff and Andrian Kreye (who you met) both friends who should be able to cover the event without mentioning you. Only one person to date has a blog."

Dokument aus den Epstein-Files

In diesem Mailwechsel sieht man deutlich: Schon 2014 ist Epstein gesellschaftlich vollkommen verbrannt. Kaum eine Frau möchte mehr mit ihm in einem Raum sein – außer vielleich Kahnemans. Nur die Männer decken ihn noch. Epstein ist beruhigt und plant zu kommen. Von Kahneman & Co hat er nichts zu befürchten: "kahneman is ok."

Lange Jahre bleibt Kahnemans Beziehung zu Epstein ungetrübt. Als Kahnemans Frau im Jahr 2018 stirbt, schickt Epstein Beileidsgrüße, und Kahneman bedankt sich. Und schon wenige Tage später ist er wieder bei Epstein zuhause zum Lunch eingeladen. Am 30.01.2018 schreibt Epsteins Assistentin Lesley Groff, neben Ghislaine Maxwell eine Schlüsselfigur in Epsteins Prostitutionsring, eine Mail an Kahneman:

"HI Dan...wanted you to know Woody Allen and Soon Yi will be joining the lunch as well at 12:30pm on Thursday Feb. 1!!!"

Natürlich hat Kahneman auch kein Problem mit Woody Allen und sagt endgültig zu.

Dokument aus den Epstein-Files

Der weltgrößte Experte für sämtliche Spielarten von Fehlentscheidungen brilliert im Zusammenhang mit Epstein immer wieder mit mangelndem Urteilsvermögen. Grausamer kann man die Grenzen der Vernunft in Zeiten rasenden Irrsinns nicht unterstreichen.

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat in seinem gesamten Forscherleben unzählige Arten psychologischer Verzerrungen katalogisiert. Seltsam, dass ein solcher Fachmann nicht die einfachste moralische Maxime beherzigen konnte: Schau dir die Leute vielleicht ein bisschen genauer an, bevor du dir von ihnen deinen Champagner zahlen lässt.

Burlesken aus dem Kulturbetrieb

Das war jetzt leider ein ziemlich desillusionierender Newsletter. Wer nun noch etwas Zerstreung braucht, kann vielleicht eine meiner jüngsten Burlesken aus dem Kulturbetrieb lesen. Ich habe in den letzten Monaten immer mal wieder versucht, diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten zu persiflieren. Vielleicht könnte das ja ein probates Mittel gegen die Super-Egos einer vermeintlichen Elite sein.

Hier findet Ihr jedenfalls eine Erinnerung an einen denkwürdigen Suhrkamp-Empfang im Jahre 2012:

Erinnerungen aus dem Literaturbetrieb: 2012
Manchmal scharen sich all meine Urenkel mit weit geöffneten Augen um meinen abgewetzten Sessel am Kaminfeuer und fragen mich, was denn eigentlich das furchteinflößendste Erlebnis meiner Zeit als freischärlernde Literaturbetriebsnudel war. Dann nehme ich noch einen Schluck öligen Whiskey von einer kleinen Insel vor Helgoland, lehne mich behaglich in den

Und hier einen wehmütigen Rückblick auf die Goldenen Jahre der Literaturkritik:

Erinnerungen: Literaturkritik in den 90ern
Nicht nur die Anfänge des Popjournalismus waren eine sehr aufregende Zeit (s.a.: Erika Thomalla: “Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus”, Frankfurt, 2025). Auch der Literaturbetrieb war damals noch wild & gefährlich. Persönliche Erinnerungen Gestern postete der Kulturwissenschaftler Johannes Franzen auf Facebook eine schöne Trouvaille aus seinem Forschungsarchiv: Ein Auszug

Schluss & Gruß

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Ich wünsche Euch einen schönen Winterausklang. Bis bald – hier oder irgendwo da draußen!

Herzliche Grüße
Stephan