Erinnerungen aus dem Literaturbetrieb: 2012

Erinnerungen aus dem Literaturbetrieb: 2012
Rainald Goetz, 2012 (©: Wikipedia)

Manchmal scharen sich all meine Urenkel mit weit geöffneten Augen um meinen abgewetzten Sessel am Kaminfeuer und fragen mich, was denn eigentlich das furchteinflößendste Erlebnis meiner Zeit als freischärlernde Literaturbetriebsnudel war. Dann nehme ich noch einen Schluck öligen Whiskey von einer kleinen Insel vor Helgoland, lehne mich behaglich in den Sessel zurück, den ich mit dem Fell eines Eisbären ausgekleidet habe, den ich zusammen mit Martin Walser im Jahre 1987 schießen durfte, als der Bodensee einmal gänzlich zugefroren war, und beginne meine Erzählung:

"Es war ein heißer Tag im August 2012. Im Suhrkamp-Haus im Prenzlauer Berg in Berlin waren die wichtigsten Multiplikatoren des alphabetisierten Teils der westlichen Hemisphäre zusammengekommen. Der Schriftsteller Rainald Goetz sollte seinen neuen Roman 'Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft' vorstellen. Die von nah und fern herangereisten Feuilletonisten, intriganten Verlagsapparatschiks, zerlumpten Spesenritter und sonstigen notorischen Pappenheimer drängelten sich in einem kleinen grauen Raum, dem man deutlich ansah, dass dies hier früher einmal ein Finanzamt gewesen war. Es war stickig. In einer Ecke lag ein schwarzes Knäuel auf dem Boden.

Immer dieses überkritische Trapper-Publikum

Das aber, liebe Kinder, war der dicke Mantel der damaligen und auch heutigen Suhrkamp-Pressechefin. Er sah aus wie der Pelz eines jener kostbaren Maskottchen, die vor neu eröffneten Walmart-Filialen im arktischen Kanada aufgestellt werden, um ein überkritisches Trapper-Publikum anzulocken. Suhrkamp ist einfach der seltsamste Verlag dieses Landes. Warum trug Frau Dr. Postpischil bei diesem Wetter einen Mantel? Leuchtend und schwer lag er da wie Pantherfell.

Auf einem schmucklosen Resopaltisch, auf dem wohl schon Uwe Johnson seine legendäre Kapitalertragsteuererklärung für das Jahr 1956 verfasst hatte, ruhte ein Stapel mit kostbaren Holtrop-Leseexemplaren. Die Zeit verstrich, es tat sich nichts. Der Smalltalk kam nicht in Gang. Zäh tropfte der Nachmittag in den gleißenden Hinterhof. Maxim Biller hatte schon die drei obersten Knöpfe seines Hemdes geöffnet und die Ärmel hoch gekrempelt. Ein junger Mann machte Fotos mit einer analogen Olympus-Kamera. Plötzlich bewegte sich der schwere Mantel.

Freude. Zeitballung. Suhrkamp

Unter dem Panther leuchtete warholweißes Haar hervor. Goetz stand auf, warf den Presse-Mantel ab, stand im Raum, weißes Hemd, blaues Jackett, makellos vibrierend, sofort angezündet von Kopf bis Fuß. Und während sich das Publikum den Multiplikatoren-Schweiß von der Stirn tupfte, schickte Goetz aus frischem Gesicht ein Lächeln in die Runde. Dann griff er sich ein Leseexemplar seines neuen Romans, reckte es in die Luft wie eine Beute und sagte: 'Freude heisst dieser Tag, Zeitballung dieses Objekt. Willkommen bei Suhrkamp.'

Das war's eigentlich auch schon. So war das damals immer bei Suhrkamp. Nachdem Goetz noch etwas extemporiert hatte, war die Veranstaltung beendet. Alle Anwesenden wussten, dass sie etwas Außergewöhnlichem hatten beiwohnen dürfen. Euphorisiert standen sie beieinander und versuchten einzuordnen, was sie soeben bezeugen durften. All die hochbezahlten Feuilletonisten, intriganten Verlagsapparatschiks, zerlumpten Spesenritter und sonstigen notorischen Pappenheimer gestikulierten nun wild durcheinander, als wäre die genuin Goetz'sche Hektik in sie gefahren und hätte von ihrem ganzen Wesen Besitz ergriffen.

Eine Hand, die welkt

Nur Maxim Biller schaute unbeeindruckt aus dem Fenster. Plötzlich materialisierte sich in dem Raum Ulf Poschardt. Niemand konnte später sagen, woher der stellvertretende "Welt"-Chefredakteur gekommen war. Hatte er schon die ganze Zeit in dem Raum gestanden? Hatte er gar mit Goetz zusammen unter dem Postpischil'schen Mantel gekauert, gänzlich erfüllt von jenem unerschütterlichen Reportermut, der später das Markenzeichen des "Springer"-Kriegsberichterstatters und Super-Podcasters Paul Ronzheimer werden sollte? Niemand konnte es sagen. Nicht einmal der altgediente Suhrkamp-Lektor Reiner Calmund, dem sonst kein Kommafehler entgeht.

Mit strahlendem Lächeln steuerte Poschardt auf Biller zu und streckte ihm die Hand zum Gruße entgegen. Doch Biller würdigte ihn keines Blickes. Er schaute einfach weiter in den Himmel von Berlin und hing den kostbaren Gedanken an seinen letzten Penny-Einkauf oder an sein Lieblings-Spaghetti-Rezept nach. Poschardts ausgestreckte Hand verwelkte im stickigen Raum und blätterte in Zeitlupe auf den Boden, wo sie von Ulla Berkéwicz mit einem Besen aus kirgisischen Pfauenfedern weggefegt wurde. Seitdem fehlt Poschardt die rechte Hand, und er kann nur noch Automatik-Ferraris fahren.

Das, liebe Kinder, war das furchteinflößendste Erlebnis meiner Zeit als freischärlernde Literaturbetriebsnudel."