Eppendorf Blues
Endlich. Er hatte einen Parkplatz gefunden. Sollte noch mal einer sagen, das Leben in Eppendorf sei einfach und sorglos. Eine halbe Stunde war Peter im Kreis gefahren. Als der klapprige Landrover unter der Hochbahntrasse zum Stehen kam, schaukelte der Traumfänger am Innenspiegel noch lange nach. Endlich wieder zuhause.
Peter warf einen Blick in den verstaubte Spiegel. Sein Gesicht war heillos verbrannt. Nur, weil er gestern im Windschatten der Düne in der Sonne eingeschlafen war. Jetzt sah er aus wie eines dieser Eppendorfer Arschlöcher, die zu dämlich waren, ein paar Tage auf Sylt zu verbringen, ohne danach gleich auszusehen wie ein verdammter Hummer von Henssler & Henssler an der Elbchaussee. Wobei: Wenn er es sich genau überlegte, war er wahrscheinlich genau so ein Arschloch.
Dabei versuchte er alles, um bloß keiner dieser Eppendorf-Trottel zu werden. Trank seinen Morgenkaffee niemals im "Elbgold", mied "Fische Schmidt", setzte seinen Fuß niemals zu "Butter Lindner". Aber es wurde immer schwieriger, sich dem ganze Irrsinn hier zu wiedersetzen. Der Stadtteil war auf einer steilen Rutschbahn Richtung Hölle.
Wo war das Bohème-Dorf seiner Jugend hin? Vor kurzem erst hatte in der Löwenstraße ein Fleisch-Sommelier eröffnet. Im Fenster hingen Dry-Aged-Schweinsöhrchen an schweren Stahlhaken. Als er den Laden das erste Mal gesehen hatte, hatte er wie gebannt auf die feinen Schweineblut-Äderchen gestarrt, die exquisite Webmuster in dem durchscheinenden Knorpelgewebe formten.
Wenn er nach Sylt fuhr, achtete er peinlich genau darauf, bloß nicht der lächerlichen Eppendorfer Surfer-Gang ins Gehege zu kommen. Er mied ihr Revier wie der Teufel das Weihwasser. So auch diesmal. Peter war hoch in den Norden gefahren, an den Lister Ellenbogen. Er hatte sein Lager an der wilden Spitze der Insel aufgeschlagen, wo es der Schickeria zu tot war. Schließlich hatte er Ruhe gebraucht, um nachzudenken. Er musste da etwas klar ziehen zwischen Paula und sich. Da konnte er kein Geschwätz über Espresso-Maschinen und Rohstoff-ETFs gebrauchen. Ob diese Woche Stille und Einsamkeit irgendetwas gebracht hatte, musste man sehen. Das würde sich gleich zeigen.
Er wischte den Rückspiegel sauber. Seine Finger waren rot. Eine Staubwolke aus der Sahara zog über Deutschland. Sie hatten es gerade im Radio gesagt. Blutregen lag in der Luft. Er gab sich einen Ruck und stieg aus. Sein Blick fiel auf eine Wohnungsanzeige an einem Pfeiler der Hochbahntrasse: "Es wird doch wohl noch möglich sein, hier eine 1-Zimmer-Wohnung zu finden!" Die Hilferufe wurden immer aggressiver. Warum zogen diese Menschen nicht einfach nach Billbrook? In seiner Jugend war das hier ein Studentenviertel gewesen.
Draußen vor dem Eingang zu seinem Haus blühte schon die Magnolie. Hoffentlich überlebten die Blüten die Nacht. Sie hatten Frost angesagt. Bis minus acht Grad. Blutregen und Nachtfrost. Die Apokalypse nahte.
Alsterschwäne
Die Alsterschwäne würden wohl noch ein paar Tage in ihrem Winterquartier oben am Mühlenteich bleiben müssen. Wahrscheinlich kämen sie erst nächste Woche raus aufs offene Wasser. Er sollte mal wieder mit Lars rüber in die "Glocke", auf einen Whisky und ein Bier, dachte er. Der Schwanenmeister war ein guter Freund von ihnen. Auch einer der Veteranen aus der alten Zeit. Wann war Harry Rowohlt eigentlich noch mal gestorben? Schöne Scheiße.
Peter ging hoch in den 5. Stock. Paula war nicht da. Ihre Springerstiefel standen nicht vor der Tür. Sie hatte nur dieses eine Paar Schuhe. Und das war auch noch vollkommen runtergelaufen an den Absätzen. Wie konnte eine Frau mit mehreren Millionen auf dem Konto bloß so herumlaufen? Lange hatte ihn das gerührt. Jetzt machte es ihn nur noch aggressiv.
Er zog seine Segelschuhe aus und machte einen Rundgang durch die große Wohnung. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine zerlesene "New York Book Review". Hier war es vor einer Woche zwischen ihnen eskaliert. Wie konnten auf so einem schönen Parkett so hässliche Sachen passieren?
Er verstand noch immer nicht, was in Paula gefahren war. Was war bloß der Auslöser für ihre Boshaftigkeit gewesen? Er war doch einfach nur nostalgisch geworden und hatte eine Chet-Baker-CD aufgelegt. Es war doch schließlich ihre Musik. Der Sound, zu dem alles begonnen hatte.
There Will Never Be Another You
Sie hatten sich im April 1979 auf Bakers Konzert drüben im Onkel Pö am Lehmweg kennengelernt. Er war mit seinem Kumpel Michael dagewesen. Auf dem Weg zum Klo hatte er Paula getroffen. Sie hatte an der Bar gestanden und sich eine Haarsträhne hinters Ohr gestrichen. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Chet Baker hatte gerade "There Will Never Be Another You" angefangen.
Michael wurde dann ihr Trauzeuge. Damals hatten sie Träume.
"Yes, I may dream a million dreams.
But how can they come true
If there will never ever be another you."
Michael hatte damals gerade seine erste Platte mit seiner Jazz-Band aufgenommen. Paula hatte mehrere Sozial-Reportagen für große Magazine fotografiert, die viel Beachtung gefunden hatten.
Und er? Gott, ja, er hatte damals seinen ersten Kurzfilm auf dem Kiez fertig gedreht. Nur mit ein paar Laienschauspielern und mehreren berüchtigten Kiezgrößen. Ein kleines, schnelles, schmutziges Ding. Auf das er sehr stolz gewesen war.
Seitdem war viel passiert. Paula hatte irgendwann angefangen, Promis für Lifestyle-Magazine zu fotografieren. So war sie in den Dunstkreis von Udo Lindenberg geraten. Irgendwann war sie dann die Hausfotografin des Panik-Clans. Die Bande war amüsant. Und es war einfach angenehmer, mit ihnen herumzuhängen, als Prostituierte in München oder Obdachlose am Frankfurter Bahnhof zu fotografieren. Sie verdiente gut. Nicht, dass sie es gebraucht hätte. Ihr Erbe von Beyersdorf warf genug Zinsen ab, um davon leben zu können.
Micheltrompeter
Michael hatte zwei Kinder bekommen. Seine Jazz-Band zerfiel langsam unter dem Einfluss von Drogen und Eitelkeiten. Irgendwann war es einfacher gewesen, mit Trompeten-Unterricht sein Geld zu verdienen. Heute besserte er seine bescheidene Rente als Micheltrompeter auf. Stand jeden Morgen um 10.00 Uhr oben auf dem verdammten Turm und blies die immer gleiche Melodie.
Peter selbst hatte sich über die Finanzierung seines zweiten Filmes mit seinem Vater zerstritten. Der Alte wollte ihm kein Geld mehr für sein nächstes Projekt geben. Dabei liefen die Familien-Geschäfte hervorragend. Die kleine Reederei unterhielt drei Containerschiffe, die zwischen Afrika und Hamburg verkehrten. In Ghana wurden sie mit Kakao beladen, den sie im Kakaospeicher am Baakenhöft abluden. Dann fuhren sie rüber zum Afrikahöft, wo sie mit Schrottautos beladen wurden, die sie nach Ghana transportierten. Schrott gegen Kakao, Kakao gegen Schrott. Die Millionen flossen.
Vielleicht hatte der Alte nicht ganz Unrecht gehabt, als er sagte, dass der Dokumentarfilm über Hamburgs Kolonialerbe eine boshafte Abrechnung mit dem Familiengeschäft gewesen sei. "Wenn du mich schon fertig machen willst, dann bezahle es wenigstens auch selber", hatte sein Vater gesagt. "Aber verlange nicht von mir, dass ich meine eigene Demontage finanziere."
Isestraße
Das waren die letzten Worte gewesen, die er je von seinem Vater gehört hatte. Drei Jahre später war der Alte gestorben. Das Haus in der Isestraße war alles, was er ihm hinterlassen hatte. Die Familienreederei hatte die zweite Frau des Alten geerbt. Peters Mutter war gestorben, als er vier war. Seit dem Tode des Alten hatte er niemanden mehr. Außer Paula.
Die Verwaltung des Hauses hatte mehr Kraft gekostet, als er gedacht hatte. Er wollte es ordentlich machen. Schließlich zahlten seine Mieter eine ganze Stange Geld. Er wollte ein guter Vermieter sein. Wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben.
Irgendwie hatte es sich so gefügt, dass Peter die Filmerei dann ganz aufgegeben hatte. Eines morgens war er aufgewacht, draußen lärmte der Isemarkt, Kisten wurde hin- und hergeschoben, die Eisenstangen der Marktstände klirrten, und über allem lag das falsche Französisch dieser falschen Franzosen, die falsche Croissants verkauften. Und plötzlich hatte er keinerlei künstlerischen Ambitionen mehr in sich verspürt. Diese unbestimmte Sehnsucht nach dem Einklag von Inhalt und Form, sie war ganz einfach verschwunden.
Lyrik
Hin und wieder schrieb er noch ein kurzes Gedicht. Ein paar Zeilen über Alltagsbegebenheiten. Aber eigentlich nur, um sie abends nach einem Glas Rotwein in ChatGPT einzuspeisen und sie interpretieren zu lassen. Selten fühlte er sich so verstanden wie bei der Lektüre dieser Analysen. Dieses Sprachmodell war einfach nett. Er hatte nichts gegen KI.
Während die traurigen Melodien von Chat Baker das raffinierte Regalsystem aus Edelstahl in ihrem Wohnzimmer umspielten, hatte er an die Fliehkräfte des Lebens denken müssen, die einen immer weiter von seinen Träumen entfernen und in irgendwelche Sackgassen treiben.
Als Chet Baker die letzten Noten von "Love for Sale" gehaucht hatte, hatte Paula ihn angeschaut und gesagt: "Aus ihm wäre sicher auch ein guter Michel-Trompeter geworden."
Nasses Handtuch
Es hatte sich angefühlt wie ein Schlag mit einem nassen, zusammengerollten Handtuch ein Mal quer durchs Gesicht. Dann war es aus ihm herausgebrochen:
"Du hältst dich für etwas Besseres!"
Paula hatte überrascht geschaut.
"Glaubst du, es ist besser, 20 Jahre lang einen näselnden Popstar zu fotografieren als auf dem Glockenturm des Michels Trompete zu spielen?"
Paula hatte gar nichts gesagt.
"Du glaubst, du bist die Einzige von uns, die Kurs gehalten hat. Die Einzige aus unserem alten Eppendorf."
Paula hatte einfach geschwiegen. Und irgendwann war er in sein Zimmer gegangen, hatte seine Klamotten gepackt und war nach Sylt gefahren.
Jetzt hörte er die Tür. Dann stand Paula im Wohnzimmer. "Oh, da bist du ja", sagte sie. Als wäre nichts gewesen. "Du hast ganz gut Farbe bekommen." Er versuchte, irgendeine Spur von Häme aus ihrer Stimme herauszuhören. Irgendein Indiz, mit dem er einen Prozess gegen sie anzetteln konnte. Aber da war keine Häme. "Ich habe eine Sellerie-Suppe gekocht", sagte sie nur. "Mit frischer Petersilie von Gut Wulhsdorf. Die können wir uns warm machen."
Er nickte. Paula blieb auf Distanz. Er blieb auf Distanz. So schauten sie gemeinsam auf den Isebekkanal. Ein Ruderboot zog eine gerade Linie durch das Wasser. Wie konnten sie bloß so genau Kurs halten?
Unter der Klosteralleebrücke leuchtete es Blau, Grün und Rot hervor. Nicht jeder hatte einen Garten unten am Wasser, wo er sein Boot lagern konnte. Es war eines dieser feinen Distinktionsmerkmale hier in der Isestraße: Nur die Hauseigentümer konnten ihre Boote in den kleinen Gärtchen direkt am Wasser lagern. Mieter mussten sehen, wo sie blieben. Also verstauten viele Anwohner ihre Kajaks unter der Klosteralleebrücke. Und wenn die Abendsonne tief stand, so wie jetzt, strahlten die Boote in leuchtenden Farben hoch zu ihnen ins Wohnzimmer herüber.
Vielleicht war der Wasserzugang das Schönste an seinem Haus in der Isestraße. Vom Kanal aus konnte man auf die Alster fahren, dann unter Lombards- und Kennedybrücke hindurch auf die Binnenalster, weiter bis zur Alsterfleetschleuse und dann raus auf die Elbe. Schon war man im europäischen Binnenwassernetz. Da unten lag das Tor zur Welt. Man musste nur hindurch.
Fernglas
Plötzlich sagte Paula: "Ich glaube, da drüben macht sich wer an den Booten zu schaffen." Er sah Schatten unter der Brücke umherhuschen, konnte aber in der Dämmerung nicht erkennen, was genau sie dort trieben. Er holt sein Zeiss-Fernglas. Tatsächlich: Zwei dunkle Gestalten deponierten irgend etwas in den beiden Kajaks des Kardiologen-Pärchens aus dem UKE, das im Nachbarhaus wohnte. Dann kletterten sie auf den Booten herum.
"Spinnen die?" rief er. "Diese Boote sind empfindlich. Ich ruf die Polizei!"
Er stellte das Fernglas auf die Fensterbank und ging in die Küche, um sein Handy zu holen. Paula nahm das Fernglas.
"Warte mal", rief sie. "Ich glaube, die wollen sich da nur reinlegen."
Tatsächlich, die beiden machten es sich in zwei Booten bequem. Dabei kippelten sie bedrohlich, als wären sie auf hoher See.
"Ich glaube, die sind betrunken", sagte er.
Paula sagte: "Das sind zwei Obdachlose. Die wollen da drin übernachten."
"Es soll minus acht Grad werden heute Nacht", sagte er.
"Ab wie viel Grad erfriert ein Mensch?", fragte Paula.
"Keine Ahnung. Kommt sicher auf den körperlichen Zustand an."
Sie schauten den beiden Obdachlosen zu, wie sie sich ihr Nachtlager in den Kajaks einrichteten. Nach einer Weile umfasste Paula seine Taille. Es war Jahre her, dass sie das zuletzt getan hatte. So standen sie regungslos nebeneinander, bis es vollkommen dunkel war. Schließlich sagte Paula nachdenklich: "Sie sind Fremde hier in Eppendorf. Genau wie wir."
Dann löste sie sich von ihm, nahm ihr Handy vom Wohnzimmertisch und tippte eine Nummer aufs Display.
"Hallo, hier ist Hansen"sagte sie. "Ich wohne in der Isestraße 27. Unter der Klosteralleebrücke machen sich zwei Obdachlose für die Nacht bereit. Können Sie mal vorbeifahren und nach dem Rechten schauen? Es soll heute Nacht minus acht Grad werden. Danke, das ist nett! Auf Wiederhören!"
Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, tippte sie noch weiter auf das Display.
"Was machst du da?" fragte er.
"Ich überweise 500 Euro an diesen Kältebus. Die waren nett."
Dann schaute sie noch einmal hinaus auf den Kanal herunter und strich sich nachdenklich eine Haarsträhne hinters Ohr. Es war dieselbe Bewegung, die sie damals im Onkel Pö gemacht hatte, kurz, bevor er sie angesprochen hatte. Dann ging plötzlich ein Ruck durch ihren Körper. Sie legte ihr Handy auf den Wohnzimmertisch und sagte: "Komm, wir essen Suppe. Da ist auch noch ein Grauburgunder im Kühlschrank. Und eine Wagyū-Salami von diesem neuen Fleisch-Sommelier in der Löwenstraße."