Der Knoten: Wo in Hamburg das Internet wohnt

Es ist schon Nacht über Hammerbrook. Auf der tintenschwarzen Fläche des Hochwasserbassins am Victoriakai-Ufer leuchten Hausboote. In einem davon dreht der NDR seine "Ernährungsdocs". Krankheiten mit Essen heilen. Wenn doch bloß alles so einfach wäre! Nebenan liegt der Club "Südpol". Von dort wummert Musik herüber. Heute ist Donnerstag. Hier am Wasser beginnt schon das Wochenende.
Ich laufe mit Pascal auf der Süderstrasse gen Nord-Osten. Pascal Mader ist Internet-Unternehmer. Vor 20 Jahren gründete er mit seinem besten Freund Sebastian Angermeyer die Webhosting-Firma "webgo". Wenn jemand ein Zuhause im Internet braucht, kann er bei “webgo” einen ganzen Server mieten – oder eine Server-Scheibchen. Dort kann er dann seine Homepage einrichten. Dafür bietet webgo schlüsselfertige Baukästen an.
Pascal und ich haben uns auf der Jobmesse in Hamburg Altona kennengelernt. Ich bin dort an einem Samstagvormittag herumgestreift und habe an den unterschiedlichsten Ständen vorgesprochen, um mal zu schauen, wie so meine Chancen auf dem aktuellen Arbeitsmarkt stehen. Pascal war aufgeschlossener als alle anderen. Wir haben ein bisschen geplaudert, und als er mit erzählte, dass all seine Server in der Süderstrasse in Hammberbrook stehen, war ich sofort Feuer und Flamme.
Schokoladenfabrik und Fernfahrer-Puffs
Ich liebe die Süderstrasse. Sie zieht sich durch ein wildes Industrie- und Gewerbe-Dickicht. Hier gibt es eine alte Schokoladenfabrik, dubiose Reifenhändler, die aus schimmelnden Tankstellen heraus operieren, schlecht getarnte Fernfahrer-Puffs, Kioske, die wirken, als wären es tote Briefkästen für irgendwelche Geheimdienste. Und es gibt einen ehemaligen Recyclinghof, der nach und nach zu einem Gemeinschaftsgarten umgestaltet wird. Demnächst soll in dieser Gegend der Alster-Bille-Elbe-Grünzug, ein grünes Band, das die drei Flüsse miteinander verbindet, und wo man sicher bald Ulrich Wickert und anderen Hamburger Prominenten beim Flanieren zuschauen kann. Aber noch ist es nicht so weit. Noch ist es hier sehr wild.
Pascal bleibt plötzlich stehen und kramt nach seinem Handy. Er macht die Taschenlampe an, kniet sich auf den Boden und leuchtet auf einen Gullydeckel. Aber das ist kein Gullydeckel. Es ist die Abdeckung eines Glasfaserkabelschachts.
"Der hier gehört der Telekom", sagt Pascal. "Sie sind alle hier. Alle großen Carrier." Der Bürgersteig führt zum größten Datenknotenpunkt der Stadt, der direkt mit dem DE-CIX in Frankfurt verbunden ist, dem größten Datenknotenpunkt der Welt. Alle wollen einen Zugang zum DE-CIX. Deswegen verläuft unter diesem Bürgersteig auf der Süderstrasse einer der größten Datenhighways der Hansestadt.

Ein paar Meter weiter leuchtet Pascal auf einen Versatel-Deckel. Dann kommt "Colt". "Der führt direkt zum Rechenzentrum, wo unsere Server stehen", sagt Pascal. "Da vorne ist es auch schon."
Er zeigt auf ein unscheinbares Gebäude. Nichts deutet darauf hin, dass sich darin wertvolle Datenschätze befinden. Außer der hohe Zaun und die Videoüberwachung. Pascal zückt eine Magnetkarte, tippt ein paar Codes, dann sind wir auf dem Gelände. Dann noch mal Magnetkarte & Codes, schon sind wir im Rechenzentrum des europäischen IT- und Telekommunikationsdienstleisters “Colt Technology Services”.
Der Empfang ist verwaist. Internet braucht wenig Personal. Ein Fahrstuhl bringt uns in die oberen Etagen. Noch einmal gesicherte Türen, dann sind wir in einer riesigen Halle voller Metallschränke. Kühlaggregate lärmen vor sich hin. Internet ist laut.
Die Suite ist ein Käfig voller Server
"Unsere Suite ist in der nächsten Halle, gleich hinter der Brandschleuse dort", sagt Pascal. "Suite": Das klingt ziemlich hochherrschaftlich. Doch was man im Serverbusiness unter einer Suite versteht, sehe ich kurz darauf: Ein eingezäunter Bereich von etwas 70 Quadratmetern. In dem Käfig stehen sich zwei Reihen von Schränken gegenüber. Insgesamt sind es 20 Schränke à 44 Server. Jeder Schrank wiegt eine Tonne. Der ganze Server-Raum steht auf Dutzenden von Metallstelzen auf dem eigentlichen Hallenboden. In dem Hohlraum unter unseren Füßen verlaufen dicke Stromkabel. Die Schränke stehen nicht in der offenen Halle, sondern sind von einem Glas-Kubus eingeschlossen, den man besser kühlen kann als die riesige Halle. “Kaltgangeinhausung”, nennt man das. Pascal verschafft uns Zutritt in den Kühlraum. Kaum steht er zwischen seinen Server-Racks, blüht er regelrecht auf.
Er erzählt von den Anfängen seines Unternehmens. Damals arbeitete er mit seinem Freund Sebastian zusammen im Call-Center eines Mobilfunkunternehmens. Aber Call-Center kann ja wohl nicht alles im Leben gewesen sein. Also gründeten die beiden den Webhoster "webgo". Sie arbeiteten in versetzten Schichten im Call-Center. Während der eine Handyverträge am Telefon verkaufte, baute der andere ein Internetunternehmen auf.
Was soll schon passieren? Schlimmstenfalls 5000 Euro Schulden
Die beiden Kumpels waren lange Zeit die einzigen, die an das Geschäft glaubten. Pascals Familie machte sich Sorgen. Er versteht bis heute nicht recht, warum. "Was soll passieren? Wenn alles schiefgeht, hast du im schlimmsten Fall 5000 Euro Schulden." Es ging nicht schief. Aber es dauerte. 5 Jahre lang schrieben sie rote Zahlen. Und es brauchte 8 Jahre, bis das Unternehmen einen seiner beiden Gründer ernährte. Nach weiteren 2 Jahren konnten endlich beide davon leben. Dann kam der erste Angestellte dazu. Heute sind sie etwa 50.

Als die beiden Freunde anfingen, gab es etwa 2000 Internet-Hoster in Deutschland. Heute sind davon vielleicht noch etwa 20 übrig geblieben. "webgo" gehört dazu. Der erste Kunde ist ihnen bis heute treu geblieben. Sie laden ihn immer wieder zu Firmenfesten ein.
Als der Gründer auf die Schränke kletterte
Stolz präsentiert Pascal seine Racks. Ein Drittel der Server hat er selbst zusammengeschraubt. "Wenn du hier eine Suite mietest, bekommst du nur den Raum und ein Kabel. Das ist der Hochgeschwindigkeits-Anschluss zum Netz. Den Rest musst du selbst aufbauen. Schränke, Server, alles. Ich bin da oben auf den Schränken herumgeklettert und habe all diese Kabel verlegt", sagt Pascal.
Hier ist alles doppelt gesichert. Wenn ein Kabel ausfällt, übernimmt ein anderes. Und wenn im Rechenzentrum der Strom ausfällt, übernimmt erst der Akku-Raum, dann ein Dieselgenerator.
In einem Schrank befinden sich die Backup-Server. In einem anderen Schrank haust die unternehmenseigene KI. Sie wird gerade dazu trainiert, den E-Mail-Verkehr mit den Kunden zu optimieren. Alle Kunden-Emails sind im Schrank nebenan gespeichert. So bleiben alle Daten in diesem Raum.
Erstaunlich, wie wenig Platz dieses Internet braucht. Bei "webgo" liegen auf nur etwa 70 Quadratmetern 1 Prozent aller deutschen Websites. Was den Stromverbrauch angeht, ist das Netz allerdings weniger bescheiden: Pascal hat eine Stromrechnung von 15.000 Euro im Monat.
Ferienjob: 2000 Kabel labeln
Nun führt der Hausherr hinter die Server-Racks, aus denen unzählige von bunten Kabeln quellen. Aber auch hier hat alles seine Ordnung. Alle Kabel sind fein säuberlich mit beschrifteten Etiketten versehen, damit man im Problemfall jedem Kunden schnell sein Kabel zuordnen kann. "Die 2000 Kabel hat mein Sohn gelabelt. Ferienjob. Um sich sein Taschengeld etwas aufzubessern", sagt Pascal. Er selbst war 10 Jahre alt, als ihn die Leidenschaft für Computer packte. Damals gab ihm sein Vater drei Windows-Befehle zum Experimentieren: 'cd', 'dir' und 'format'", so erinnert sich Pascal. Seitdem lassen ihn die Maschinen nicht mehr los.
Kaum zu glauben: Das Internet hat ein Zuhause. Und dort arbeiten echte Menschen.

Transparenz-Hinweis: Meine Tour zu "webgo" erfolgte aus reinem Interesse. Ich bekomme weder Geld noch sonstige Vergünstigungen von dem Hamburger Webhoster.