Der Flaneur - Newsletter #3 - 04/2025

Der Flaneur - Newsletter #3 - 04/2025
Kirschblüte am Isebekkanal

Liebe Leser:Innen!

Willkommen zum dritten Newsletter meines Hamburg-Blogs "Der Flaneur". Schön, dass Sie dabei sind!

In allen führenden Newsletter-Ratgebern wird empfohlen, zum Einstieg den Leser mit ein wenig lockerem Geplauder gütig zu stimmen. Dabei soll der Autor als Mensch wie Du & ich auftreten und in vertraulichem Ton eine nachhaltige Beziehung zum Leser aufbauen.

Eichelhäher und Krokusse

Steckt Ihnen die Zeitumstellung auch so in den Knochen? Ich bin immer noch regelrecht verkatert. Die ganze Angelegenheit ist eine Zumutung. Instinktiv würde man doch denken, Zeit sei ein Kontinuum, das diskret irgendwo im Hintergrund abläuft, unabänderlich, unanatastbar und ewig. Ein steter Rahmen, der Menschen, Eichelhähern und Krokussen das Gefühl gibt, in den geregelten Kreislauf der Gestirne eingebettet zu sein.

Aber Pustekuchen! Plötzlich kommen irgendwelche Amtsstubenhengste (Wer? Ich will Namen!), veranstalten ihre dämlichen Brainstormings und fummeln dann Jahrzehnte lang an der Zeit herum. Schrecklich. Einzig das hysterische Abfotografieren von blühenden Kirschbäumen und Weissdorn-Sträuchern kann mir noch etwas Trost spenden.

Eppendorf lieben, Eppendorf hassen

Neulich wollte ich einen ausgedehnten Frühlingsspaziergang machen, um ein paar Kirschbäume und Weissdorn-Sträucher zu fotografieren und mich eingebettet zu fühlen in das ewige Werden & Vergehen von Krokussen und Eichelhähern. Aus meinem problematischen Heimatbezirk Eppendorf sollte es an die Alster gehen, wo ich ein paar nestbauende Blässhühner in Augenschein nehmen wollte.

Anschließend wollte ich mal nachschauen, wo eigentlich genau der geplante Alster-Bille-Elbe-Grünzug verlaufen soll. So wollte ich schließlich in Rothenburgsort ankommen, wo es am Bahnhof einen wunderbaren Waffelbäcker gibt, der auch noch ganz vorzüglichen Kaffee macht. (Pardon, eigentlich sollte es in diesem Newsletter niemals Gastro-Tipps geben. Ebenso wenig wie Texte über den bescheuerten Michel-Trompeter oder andere Hamburger Originale. Aber jetzt ist es nun mal passiert.)

Aber wie es beim Flanieren so ist: Ich bog mal links ab, dann rechts, dann lief ich unauffällig einem streunenden Hund hinterher, dann stellte ich Nachforschungen unter einer Brücke an, und so kam es, dass ich 4 Stunden lang im Umkreis von 2 Kilometern um meine Haustür herum lief. Dabei laufe ich hier doch schon seit 20 Jahren herum! Als gäbe es hier noch irgendetwas zu entdecken.

Gibt es tatsächlich: In der Löwenstraße gibt es jetzt einen Fleisch-Sommelier. Fein, fein. Und unter der Hochbahntrasse an der Isestraße parkte ein zugemüllter Landrover, an dessen Innenspiegel ein Traumfänger baumelte. Was zur Hölle macht ein Hippie-Traumfänger im Viertel der gerade überall aufblühenden Matcha-Lounges? Eppendorf wird mir auf immer rätselhaft bleiben. Ich liebe und ich hasse mein Bonzenghetto. Ich habe versucht, das Mysterium in einer Kurzgeschichte zu ergründen. Hier ist sie:

Eppendorf Blues
Endlich. Er hatte einen Parkplatz gefunden. Sollte noch mal einer sagen, das Leben in Eppendorf sei einfach und sorglos. Eine halbe Stunde war Peter im Kreis gefahren. Als der klapprige Landrover unter der Hochbahntrasse zum Stehen kam, schaukelte der Traumfänger am Innenspiegel noch lange nach. Endlich wieder zuhause. Peter warf

Man könnte fast versucht sein, nun über jeden Stadtteil eine Kurzgeschichte zu schreiben. Was könnte als nächstes kommen? Hammerbrook? Rothenburgsort? Mal schauen.

Passend zum "Eppendorf Blues" zeigt die Kunstklinik Hamburg bis zum 30.04.25 übrigens Fotos aus dem Archiv des Eppendorfer Bürgervereins (Martinistraße 44a).

Zahl des Monats: 400.000.000

Hamburgs Lieblingsmilliardär Klaus-Michael Kühne hat wieder einmal einen Einblick ins düstere Herz der Immobilienspekulation gegeben. Jüngst hat er seine Befürchtung zum Ausdruck gebracht, der genialische Elbtower würde wahrscheinlich niemals fertig, denn es fehlten noch 300 von 400 benötigten Millionen. Er selbst wolle auf keinen Fall mehr als 100 Millionen zahlen. Außerdem fehlten Mieter.

Klingt nach einem durch & durch sinnvollen und ganz hervorragend geplanten Immobilienprojekt: Keine Finanzierung, keine Mieter. Man könnte glatt meinen, der "kurze Olaf" sei ein Bau ohne jeden Sinn und Zweck. Außer dem, einfach nur all das zu sein, was Olaf Scholz nicht ist: riesengroß, sehr beeindruckend und warm in der Abendsonne leuchtend.

"Auf einem Häuserblocke sitzt er breit. / Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. / Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit / Die letzten Häuser in das Land verirrn." Georg Heym: "Der Gott der Stadt" (1910)

Januarbekanntschaft

Erinnern Sie sich noch? Ende Januar war ich auf einer Jobmesse, um meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt auszuloten. Wahrscheinlich werden wir ja alle demnächst bis zu unserem 102. Geburtstag malochen müssen, und da kann es schließlich nicht schaden, wenn man hin & wieder mal seinen aktuellen Marktwert ermittelt. Hier kommt noch mal eben schnell der Jobmessen-Text, falls den irgendwer übersehen haben sollte:

Jobmesse: Wie ich versuchte, mich ganz neu zu erfinden
Schon richtig, diese Seite heisst “Flaneur”. Aber immer nur zweckfreies Herumstreunen kann’s ja auch nicht sein. In den heutigen Zeiten ist es überaus wichtig, dass man sich Klarheit über seinen eigenen Marktwert verschafft. Und was wäre dafür besser geeignet als eine Jobmesse? Praktischerweise findet gerade an diesem Wochenende eine statt.

Auf dieser Jobmesse lernte ich Pascal Mader kennen, den Mitgründer des Internethosters "webgo". Er gab mir das gute Gefühl, ich könnte (grad keinen Bock auf korrekte indirekte Rede (Hallo, Lieblings-Textchef, ich weiss, dass Du hier mitliest, und das freut mich wirklich sehr! (Ja, diese Klammerkaskade muss sein!))) jederzeit in seiner Firma ins Reich des abenteuerlichen Cyberpunks eintreten, um dort zwischen gut gesicherten Servertürmen meine beachtliche Rentenlücke zu schließen. Vor allem aber lud er mich ein, ihn doch einfach mal in seinem Unternehmen zu besuchen.

Da ich echte Unternehmer eigentlich nur aus Wahlkampfreden von Christian Lindner kenne, dachte ich, ein Realitätscheck könnte vielleicht nicht schaden. Also besuchte ich Pascal in Hammerbrook, und wir besichtigten zusammen das Hochsicherheitsrechenzentrum, wo er seine Server aufgebaut hat.

Das war sehr interessant. Wenn ich mit 102 dann in Rente gehe, werde ich wahrscheinlich einfach nur durch die Gegend laufen, mit Leuten reden und mir Sachen zeigen lassen. Hier ist die Reportage über das Rechenzentrum in Hammerbrook:

Der Knoten: Wo in Hamburg das Internet wohnt
Es ist schon Nacht über Hammerbrook. Auf der tintenschwarzen Fläche des Hochwasserbassins am Victoriakai-Ufer leuchten Hausboote. In einem davon dreht der NDR seine “Ernährungsdocs”. Krankheiten mit Essen heilen. Wenn doch bloß alles so einfach wäre! Nebenan liegt der Club “Südpol”. Von dort wummert Musik herüber. Heute ist Donnerstag. Hier am

Peggy Parnass

Am 12. März 2025 starb Peggy Parnass, Gerichtsreporterin und unermüdliche Kämpferin gegen Diskriminierung, Rassismus und das Vergessen der NS-Verbrechen. Ich habe nur ein einziges Mal mit ihr gesprochen. Das war sehr schön. Hier ist ein Gedicht darüber:

Peinlicher Abendspaziergang für Peggy Parnass
Ich habe keinen Nannenpreis. Ich war noch nie beim Arthur-F.-Burns-Dinner. Ich saß immer in irgendwelchen alten Berliner Fabriken irgendwo ganz hinten zwischen Tontechnikern und Lokalreportern aus dem Sauerland und habe gestaunt, wie ein strahlender Relotius einen Reporterpreis nach dem anderen abräumte. Dirk Kurbjuweit würde mich auf keiner Party erkennen.

Flanier-Termine im April

Hier kommen die Veranstaltungen, die ich mir für die kommenden Wochen notiert habe. Vielleicht schreibe ich über die eine oder andere. Und vielleicht treffen wir uns ja bei einem der Termine da draußen. Würde mich sehr freuen!

  • 02. & 03.04.25
    Nachwuchsfilmfestival „abgedreht!“ 46 Kurzfilme junger Talente
    Zeise-Kino
  • 04. – 06.04.25
    Buchdruckmesse, Museum der Arbeit
  • 05.04.25, 10 – 16.00 Uhr
    Plattenbörse in der Gleishalle am Oberhafen
  • 06.04.25, 12 – 16:00 Uhr
    Pflanzentauschmarkt
    BUND-Naturerlebnisgarten im Wilhelmsburger Inselpark
    Ich bräuchte unbedingt noch einen Faulbaum.
  • 06.04.25, 20 Uhr
    "Die Braut haut ins Auge" spielt 25 Jahre nach ihrer Auflösung und 35 nach ihrer Gründung im "Knust" (Neuer Kamp 30). Bernadette Hengst schreibt auf Instagram: "Es wird ein berauschendes Konzert. Versprochen."
  • 08.04.25, 19:30 Uhr
    Release-Feier des Hamburger Jahrbuchs für Literatur "Ziegel"
    Nachtasyl, Alstertor 1-5
    Einritt Frei, um Anmeldung wird gebeten unter kb-literatur@bkm.hamburg.de
    Für alle, die einmal den gesamten Hamburger Literaturbetrieb kennenlernen möchten.
  • 13.04.25, 14:00 Uhr und 16:30 Uhr
    Führung durch den Schellfischtunnel
    Hamburger Unterwelten
    "Schellfischtunnel" googeln, gruseln und schnell Tour buchen!
  • 15.04.25, 19:00 – 21:00 Uhr
    Buchvorstellung: Andreas Speit: "Autoritäre Rebellion. Wie antimoderne Reflexe breite Schichten der Gesellschaft erfassen und sie immer weiter nach rechts rücken"
    Kölibri, Hein-Köllisch-Platz 12
    Alerta!
  • 19.04.25, 16:00 Uhr
    Osterfeuer am Elbstrand in Blankenese
    Zuschauen, wie Stefan Aust seinen alten Weihnachtsbaum vebrennt.
  • 22. – 27.04.25
    Dokumentarfilmwoche
    Programm: https://www.dokfilmwoche.com/
  • 27.04.25, 14-17 Uhr
    Anleger Baumwall
    Barkassenfahrt der "Initiative Dessauer Ufer" zum Thema "Stadtplanung VS Erinnerungskultur: Die Zukunft von Erinnerungsorten im Hamburger Osten"
    Anmeldung unter initiative-dessauer-ufer@riseup.net
    https://initiativedessauerufer.noblogs.org/
  • 26.04.25
    Lange Nacht der Museen

Schluss & Gruß

Über Leser-Feedback oder Flanier-Tipps freue ich mich übrigens immer sehr. Schreiben Sie mir! Ich beantworte jede Zuschrift. Einfach auf "Antworten" drücken!
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Ich wünsche Ihnen einen schönen April! Sie hören dann wieder von mir im Mai!

Herzliche Grüße
Stephan Maus

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